STRANDBAD I

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RACHIDS TRAUM

Südlich von Agadir locken noch naturbelassene Strände und wilde Buchten. Die Region bei Tiznit ist touristisch bislang noch nicht erschlossen. Dort hoffen die Leute, dass sich das bald ändert. Vor allem der junge Autolackierer Rachid träumt von einem anderen Leben: Wenn der Boom erst einmal Aglou erreicht, möchte er mit seinem neuen coolen Höhlencafé für Surfer ganz groß rauskommen.

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Text und Fotos: Sven Kämmerer 

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Die Piste schlängelt sich einen kleinen Berg hinauf. Der Kleinbus muss ganz schön schuften, aber er schafft es. „Da vorn ist es“, sagt Rachid. „Halt an, wir gehen jetzt zu Fuß weiter!“ Rachid läuft zielstrebig auf das Ende der Klippe zu. Vor ihm nur noch der Horizont des endlosen Atlantiks. Plötzlich ist er weg. Glücklicherweise hat Rachid die kleine Treppe erwischt, die etwas improvisiert in den Hang zementiert wurde und hinunter zum wunderschönen, etwas melancholisch anmutenden Strand führt. „Touristen finden selten hierher“, meint er. „Aber das wird sich ändern, da bin ich mir sicher. Übrigens: Da vorn sieht man Aglou!“ Das kleine Fischerdorf mit seinen tausend Einwohnern liegt 15 Kilometer entfernt von Tiznit, direkt am Atlantik. Vom wilden, naturbelassenen Strand wissen bis auf wenige Freaks, die sich hier mit ihren unhandlichen Surfbrettern in die Wellen stürzen, nur die ortsansässigen Fischer. Rachid mag Surfer. Die sind „tranquillo“. Tranquillo ist Rachids Lieblingswort. Er selbst ist auch völlig tranquillo. Für Surfer sind die Bedingungen hier nicht die schlechtesten: Die Temperaturen fallen maximal auf sieben Grad, im Sommer wird es nicht zu heiß. Wind- und Wellengarantie gibt’s on top. Dafür darf die Anreise aus nasskalten Gefilden auch schon mal etwas länger ausfallen, aber Rachid ist sich sicher, dass die Surfer in Zukunft scharenweise in Aglou einfallen werden. „Das wird schon.“ Rachid macht den Surfergruß. „Tranquillo.“


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An der Küste gibt es viele unzugängliche Buchten, die den Reisenden verborgen bleiben. Die ortskundigen Fischer von Aglou fangen dort auch Hummer und Langusten

„Wenn du eine Brasse am Haken hast, dann ist das echt aufregend. Die Brasse hat Kampfgeist.“

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Solange die Surfergemeinde noch nicht da ist, halten sich am Strand ausschließlich Fischer auf. Die, die nicht mit ihren Booten aufs Meer fahren, leben vom Küstenangeln. So wie Mustafa, Rachids Nachbar in Aglou. „Seine Höhle liegt gleich neben meiner“, meint Rachid. Der Atlantik hier ist fischreich und beheimatet Brassen, Wolfsbarsche, Doraden, Adlerfische. Das Küstenangeln sieht einfacher aus, als es ist. „Wenn du eine Brasse am Haken hast“, meint Mustafa, „dann ist das echt aufregend. Die Brasse hat enormen Kampfgeist.“ Mustafa verkauft seine Fische wie alle Fischer hier auf dem Markt in Aglou. Wie in Marokko üblich, wird der Fang nicht zu festen Kilopreisen verkauft, sondern versteigert. „Mustafa hat seine Höhle gemietet“, erzählt Rachid. „Er ist nicht von hier, aber er ist tranquillo“, sagt er und zeigt auf eine Baracke. „Das ist sie, meine Höhle. Das wird mein Café“, sagt er. Rachid wirkt jetzt gar nicht tranquillo. Vielmehr gerät er überraschend ins Schwärmen. „Diese Höhlen wurden von Fischern in die Steilküste geschlagen, Ein-Zimmer-Höhlen. Sie dienten den Fischern als Garage für ihre Boote oder als Behausung. Es gibt etwa 1120 davon. Unsere hat die Nummer 846. Mein Vater hat sie mit einem Freund zusammen in den Fels geschlagen und dann ein Zimmer mit Stockwerk aus Ziegelsteinen davorgebaut“, berichtet Rachid. „Meine Höhle hat ein Zimmer, ein kleines Schlafzimmer, eine kleine Küche, eine Toilette und sogar zwei Terrassen.“ Rachid ist oft hier. Ansonsten lebt er in Tiznit bei seiner Familie. Rachid ist 28 Jahre alt und gelernter Autolackierer. Er hat eine jüngere Schwester und einen älteren Bruder.

„Meine Höhle hat ein Zimmer, ein Schlafzimmer, eine Küche, eine Toilette und zwei Terrassen“.

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Wegen der Stabilität muss die Decke gewölbt sein. Danach wird das Innere mit Zement verputzt. Die Höhlen werden dann immer weiter ausgebaut

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Rachid ist ein sympathischer Typ. Als Lackierer arbeitet er nicht mehr, dafür hin und wieder als Maler, ab und an unterrichtet er Kinder im Zeichnen. Rachids Welt ist die Kunst, die Architektur

„Diese Höhle hier gehört meinem Vater. Er ist auch Fischer. Ich angle auch gelegentlich.“

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Die Schwester studiert Literatur in Tiznit, sein Bruder sucht Arbeit. „In den Höhlen werden nicht nur Boote gelagert“, meint Rachid. „Manche Leute nutzen sie auch als Wochenendwohnung, aber dafür sind manche Höhlen zu klein.“ Einige Fischer haben ihre Höhlen sehr schön hergerichtet, sauber verputzt und gestrichen. Auch die Strom- und Wasserversorgung ist sicher gestellt. Der Strom kommt von Solarpaneelen und Frischwasser aus Zisternen. Gekocht wird auf mobilen Gaskochern. „Diese Höhle hier gehört meinem Vater. Er ist auch Fischer. Ich angle auch gelegentlich, aber eigentlich zeichne ich“, erzählt Rachid. „Ich möchte aus meiner Höhle ein kleines Café machen. Das ist mein Traum. Ein Treffpunkt für Künstler, ein Ort, wo Leute Ideen, Projekte entwickeln und durchführen können.“ Rachids Augen glänzen. „Zunächst möchte ich mit einem Café anfangen, das ich später zu einem kleinen Restaurant erweitern kann“, trägt er vor. „Mein Vater steht hinter dem Projekt. Die Genehmigungen werde ich schon einholen, aber mit der Finanzierung ist es natürlich nicht einfach“, meint er. „Aber das wird, tranquillo.“ Immer wieder spricht er von der einmaligen Atmosphäre der Künstlerstadt Essaouira. Eines Tages wird Aglou ein zweites Essaouira sein. Und überhaupt: Wer kannte denn schon vor zehn Jahren den Ort Asilah im hohen Norden? Heute ist Asilah für seine Kunstschaffenden und sein Kulturfestival international bekannt. So könnte es auch Aglou ergehen, jenem heute noch unbekannten Fischernest mit den unzähligen Höhlen. Es wird. Tranquillo. 


Info: Aglou

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RACHID
Wer sich mit Rachid über sein Projekt austauschen möchte, kann ihn unter folgendem Kontakt erreichen: boub_nba@hotmail.fr

AGLOU
Aglou ist auch als Geheimtipp unter Gleitschirmfliegern bekannt. In der Nähe der Höhlen befindet sich eine Gleitschirmschule. Vor allem Anfänger genießen hier ideale Flugbedingungen, um sich verbessern zu können. Dünen und Klippen sind nicht zu hoch und deshalb perfekte Übungshänge für Anfänger. Bei Surfern gilt Aglou als wind- und wellensicherer Strand. Die beste Zeit zum Surfen ist zwischen November und April. Die größten Wellen findet man für gewöhnlich im Januar und Februar vor. Von Aglou lohnt sich auch ein Abstecher nach Mirleft (Bild oben). Mirleft verfügt über wunderschöne Badebuchten.

TIZNIT
Tiznit befindet sich knapp 100 Kilometer südlich von Agadir. Die Stadt mit ihren 14.000 Einwohnern ist touristisch nicht nur wegen der langen Stadtmauer und den unzähligen Wehrtürmen sowie der großen Moschee einen Besuch wert. Tiznit ist auch ein bedeutendes Zentrum für Kunsthandwerk. Hier wird noch traditioneller Silber- und Goldschmuck sowie filigraner Berberschmuck hergestellt. Außerdem gibt es in Tiznit mehrere Kooperativen, die hochwertiges Bio-Arganöl herstellen.

Rückblick: Strandbad I


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