ROADBOOK

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DER HÄRTESTE MARATHON DER WELT

In diesem Roadbook nehmen wir Sie mit in die Wüste. Anlässlich des 30. Geburtstages des “Marathon des Sables” hat KASBAH einen Bericht zusammengestellt, der Sie annähernd erahnen lässt, was es bedeutet, beim härtesten Marathon der Welt dabei zu sein. In ergänzung zu den eindrucksvollen Aufnahmen, die die Fotografen des Veranstalters beim letztährigen Marathon gemacht haben, schildern zwei Extremsportler, Martin Dörfler und Herbert Meneweger, wie Sie diesen sportlichen Alptraum überstanden haben. Mit Ihren einfühlsamen Etappenberichten geben Sie uns eine anschauliche Innenansicht des Wüstenmarathons. Falls Sie also im nächsten April zufällig nichts Besseres zu tun haben, machen Sie doch beim Marathon des Sables mit.

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Andreas Dörfler berichtet über seine Teilnahme am Marathon des Sables 2006:
Der Austragungsort des Marathon des Sables scheint am Ende der Welt zu liegen. Ich fliege von London über Casablanca bis Ouarzazate. Nach einer fast schlaflosen Nacht geht es auf Armeelastern durch den Saharasand ins erste Camp. [...]

Gesundheits- und Materialkontrolle
Am Tag vor der ersten Etappe überprüft die Organisation die mitgeführte Ausrüstung und den Gesundheitszustand. Ich werde gefragt, ob ich alles dabei hätte, besonders die Pflichtgegenstände, dann erhalte ich eine Signalrakete für Notfälle und werde durchgewunken. Da habe ich monatelang an meiner Ausrüstung getüftelt, verschiedenste Socken, Schuhe, Hemden, Hosen getestet, die Zahnbürste zur Gewichtsersparnis abgesägt, und dann ist nach 15 Sekunden die ganze Materialprüfung vorbei. [...]

Mein Rucksack
„Reduce to the max“ lautet die Devise für den Marathon des Sables [...]. Das größte Volumen nimmt das Essen ein. 2.000 Kalorien pro Tag sind Pflicht, mehr ist aber anzuraten. Mein tägliches Menü besteht aus 100 Gramm Müsli, 350 Gramm Nüssen, 200 Gramm Fruchtzucker, den ich zu 50 g abgepackt in einer 1,5-Liter-Wasserflasche auflöse, Vitamintabletten und ein gefriergetrocknetes Fertigessen für den Abend. [...] Der wichtigste Teil meines Rucksacks ist die Brusttasche. Hier führe ich meine 1,5- Liter-Wasserflasche und alles mit, was ich während der täglichen Etappe benötige: Fruchtzucker, Nüsse, Sandsturmbrille. [...]

Erste Etappe – 28 km
Ein simples Aufwärmtraining steht heute auf dem Programm, nur 28 Kilometer. Was machen wir denn dann ab 12 Uhr Mittag? 28 km, das ist daheim meine sonntägliche Ich-gehe-mal-Brötchen-holen-Entspannungsrunde, vielleicht drei Stunden lockeres Laufen, so schwer kann der Marathon des Sables ja gar nicht sein. [...]
Dann endlich der Startschuss. Alles rennt wie besessen los. Ich natürlich auch. Schnell folgt die Ernüchterung – geht das schwer! Der Sand ist weich, gibt ständig nach, dazu das Gewicht des Rucksacks, der ja Gott sei Dank täglich leichter wird, und die Hitze. [...] Und ständig Sand in den Schuhen, es fühlt sich an wie auf Schmirgelpapier zu laufen. [...] Endlich kommt der Checkpoint in Sicht. Wasser! Einen Kilometer später erhebt sich der erste Anstieg, vielleicht 150 Höhenmeter über schwarzen Fels. Ich muss alle vier, fünf Schritte stehen bleiben und nach Atem ringen. Die Hitze schneidet mir die Luft ab, gierig presst die Sonne jeden Tropfen Schweiß aus meinem Körper, es wird unerträglich. [...] Mehrfach muss ich mich zitternd vor Erschöpfung setzen. Es folgt ein spektakulärer Ausblick über ein weites Tal, der nächste Checkpoint ist in Sicht. [...] Sechs Stunden habe ich für die lächerlichen 28 km benötigt, weitere drei Stunden liege ich regungslos im Zelt und starre auf die Zeltplane. Ich bin unfähig, mir mein Abendessen zuzubereiten. Mein Kreislauf spielt verrückt. Beim Qualm von Esbit und dem harzigen Holz der Wüstensträucher muss ich mich übergeben. Wer hatte eigentlich die irrwitzige Idee, diesen Mist zu laufen? [...]

Das Leben im Biwak
Sechs bis acht Läufer teilen sich eines der über hundert schwarzen Zelte im Biwak beim Marathon des Sables. [...] Man ist nach jeder Etappe müde genug, um neben einem startenden Jumbojet einzuschlafen. Auch persönliche Duftnoten der Zeltkollegen fallen nicht auf, hat man selbst doch seit Tagen nicht geduscht. [...]

Zweite Etappe – 35 km
Wieso schleppe ich mich noch an den Start? Innerlich hatte ich am Vorabend mit dem Sandmarathon abgeschlossen. [...] Ein bestens trainierter Läufer aus dem Schweizer Nachbarzelt hat aufgegeben; er hat den Marathon des Sables zuvor zweimal überstanden, einmal sogar mit Salmonellenvergiftung. Dieses Jahr sei einfach der Wurm drin, meint er. Also – wenn ich aufgäbe, dann wäre ich doch in bester Gesellschaft, oder? Aber was hätte das für eine Signalwirkung auf meine Lauffreunde? [...] So laufe ich heute noch einmal, so lange ich kann – jeder Kilometer mehr ist nur für die Statistik. [...]
Nach gut drei Kilometern ist der Berg geschafft, jetzt führt die Strecke schnurgerade zum Checkpoint eins. Ich staune über mich selbst, bin ich ja doch noch im Rennen! Es folgt ein langer Anstieg durch Sand, vorbei an einem Gerippe, vermutlich ein Dromedar. Die Wüste verschlingt die sterblichen Reste schnell. Ich hätte mich danebenlegen wollen, so schlecht geht es mir wieder – der Kreislauf spielt nicht mit. Am Checkpoint zwei beginnt der tägliche Sandsturm. Ich merke, dass mir das Wasser nicht ausreichen wird. [...]
Als mir schwindlig wird, steuere ich einen Jeep der Ärzteorganisation Doc Trotters an. Ich verlange eine Messung von Blutdruck und Puls („everything is normal“, was auch immer in der Sahara noch normal ist), dann extra Wasser. „That will cost you one hour penalty!“ Später erfahre ich, dass es für das zweite außerordentliche Wasser eine Zeitstrafe von drei Stunden gibt, mit der dritten Flasche wird man disqualifiziert. [...] 59 Läufer scheiden auf dieser Etappe aus, die meisten wegen Dehydrierung und Kreislaufproblemen. Hätte ich nicht mein Strafwasser erhalten, es wären 60 geworden. Das Nachbarzelt mit den Schweizern ist von 8 auf 4 Läufer dezimiert. Immerhin: Das ganze Zelt Nummer 53 sicher im Ziel. [...]

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Schuhe
[...] Für den Marathon des Sables muss es ein stabiler Trailschuh sein, kein leichtes Wettkampfmodell. Die dicke Sohle des Trailschuhs dämpft und schützt vor Dornen, die Stabilität verhindert ein Abknicken beim Lauf über Geröllfelder und scharfkantigen Fels. Da die Füße bei Extrembelastungen anschwellen, müssen die Schuhe Übergröße haben. Meine Schuhe beim Marathon des Sables sind drei Nummern größer als meine regulären Laufschuhe. Den anfänglichen Leerraum im Schuh gleiche ich durch ein zweites Paar Laufsocken aus. [...] Nach einigen Etappen verzichte ich auf das zweite Paar Socken, die geschwollenen Füße beanspruchen ihren Platz. [...]

Dritte Etappe – 38 km
Heute stehen drei Kilometer mehr an als gestern. Die Sonne stumpft mich ab, ich verliere das Gefühl für Schmerz, Vernunft, trotte einfach vor mich hin und schalte den MP3-Player ein [...] Ich fühle mich beladen wie ein Packesel, aber so habe ich vielleicht eine Chance durchzukommen. [...] Bis zum dritten Checkpoint sind meine drei Flaschen Wasser aufgebraucht. Nun führt der Weg durch eine Schlucht über nur 6,5 km ins Ziel. Im Camp bin ich trotzdem sehr zuversichtlich. Ich weiß, dass die morgige lange Etappe von 72 km mein Ding werden würde, das hatte ich trainiert. Zum ersten Mal glaube ich wieder daran, den Marathon des Sables bestehen zu können. [...] Ich bin zurück im Rennen! Und: Das ganze Zelt Nummer 53 ist sicher im Ziel. [...] Dieser Tag war für mich die Wende. Ich habe das Ziel wieder vor Augen. Jetzt ist mein Fokus nicht mehr allein nach innen gerichtet, auf meine Zweifel und Schmerzen. [...]

Ernährung
Jeder Läufer muss seine Verpflegung für die 7 Tage des Marathon des Sables im Rucksack selber mitführen. Pflicht sind 2.000 Kalorien pro Tag. Das ist das geforderte Minimum – bei den Etappen verbrennt man bis zu 8.000 Kalorien. Kein Läufer würde aber so viele Nahrungsmittel mitführen. Bei der Zusammenstellung des Speiseplans müssen Kalorien, Proteine, Vitamine und Mineralien ausbalanciert werden. Natürlich sollte man alles auf längeren Läufen auf Verträglichkeit getestet haben. Nicht zu unterschätzen ist auch der emotionale Wert eines Nahrungsmittels: Der Gedanke, sich abends mit einer besonderen Leckerei belohnen zu können, kann auf der Strecke Berge versetzen. [...]

Vierte, Etappe – 57 km
Die Morgenandacht mit Happy Birthday, der Helikopter kreist über unseren Köpfen, dann der Start, alles ist schon zur Routine geworden. Meine viereinhalb Liter Wasser vom Start weg würden mir für die Hitze des Tages ausreichen. [...] Wie in einem Ozean haushoher Wellenberge gleite ich dahin, der feine Sand spritzt wie die Gischt des Meeres, die steilen Hänge der Dünen geht es auf dem Hosenboden hinab. [...] Zeitlos verrinnt die Zeit, ich laufe den ganzen Wettkampf ohne Uhr. Warum auch, es gibt hier kein Meeting, keinen Flieger, den ich verpassen würde. [...] Zum ersten Mal im Rennen schießt mir das Adrenalin durch den Körper. Für mich ist das der eindrucksvollste Teil des gesamten Laufes. [...] Es fühlt sich an wie eine Neugeburt in der Nacht der Wüste. Gegen Mitternacht ist das ganze Zelt Nummer 53 sicher im Ziel.

Ruhetag
Für die lange Etappe hat jeder Läufer 36 Stunden Zeit. Viele übernachten in der Wüste und laufen erst am nächsten Tag ins Ziel. Für uns vom Zelt 53 ist es ein Ruhetag.
[...] Am Leitstand der Organisation hängen die vorläufigen Ergebnislisten der vorderen Plätze aus. Ich stehe nicht drauf. Ich liege im Klassement so weit hinten, dass es auf einige Dutzend Ränge mehr oder weniger nicht ankommt. Durchkommen, das war mein einziges Ziel für diesen Lauf gewesen, und wenn möglich die lange Etappe ohne Übernachtung durchlaufen. [...]

Fünfte Etappe – 42 km
Heute bläst der Sandsturm bereits vor dem Start. [...] Bis zum Checkpoint zwei verfalle ich in einen langsamen Jogging-Schritt. Ab dem Checkpoint bin ich am Laufen. Kontinuierlich kann ich mein Tempo steigern und überhole gelegentlich einen Mitläufer. Der vierte Checkpoint ist nur drei Kilometer vom Ziel entfernt. Ich greife zum Wasser und den gereichten Salztabletten, dann sprinte ich los. [...] Von Weitem sehe ich den Zielbogen, gesäumt von vielen Läufern. Ich erhöhe noch einmal das Tempo. Gut hundert Meter vor mir sehe ich einen anderen Läufer in schnellem Tempo. Ich gebe Gas. Zweihundert Meter vor dem Ziel merkt er, durch das Gejohle der Teilnehmer im Zielbogen alarmiert, dass ich von hinten angeflogen komme. Wie von der Tarantel gestochen sprintet auch er los. Aber ich kann noch Boden gut machen und ihn auf den letzten 20 Metern unter lautem Beifall der Zuschauer überholen. Im Ziel fallen wir uns lachend in die Arme. [...]! Das ganze Zelt Nummer 53 ist sicher im Ziel.

Sechste Etappe – 11 km
Was soll heute noch passieren? Nichts, einfach nur genießen und mit einem Lächeln durchs Ziel laufen. Sechs Kilometer geht es über Schotterpiste, seitlich sehe ich einige Ruinen, und dann geht es über die schönsten und höchsten Dünen des gesamten Laufs – Merzouga! Es ist ein Genuss! Direkt hinter der letzten Düne ist alles vorbei, im Zielbogen gibt es die Medaille. [...] Und das ganze Zelt 53 ist sicher im Ziel.

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Herbert Meneweger über die 4. Etappe des Marathons, die „unvergesslichen 82 Kilometer“:
Schon lange vor der üblichen Tagwache [...] werde ich munter – die tobenden Zehen haben mich aufgeweckt. Wenn ich nicht eine heftige Antibiotikabehandlung, riesige Verbände und die Zusicherung der Doc Trotters hätte, dass [...] gesundheitlich nichts passieren kann, ich würde mich nicht trauen, mit diesem Pulsieren das Rennen fortzusetzen. [...] Durchkommen, nicht mehr und nicht weniger, einen Platz unter den Top 20 habe ich mir abgeschminkt. [...] Ich werde eine Stunde vorm Start noch Schmerztabletten einnehmen, und dann „schau ma mal“ [...] Für die 82 Kilometer sind 36 Stunden Zeit. D.h. dass man unterwegs bei Checkpoints übernachten kann (man hat ja sowieso alles dabei), oder, wer es heute komplett schafft, hat morgen einen Ruhetag. [...]

Allen merkt man eine größere Anspannung an. Heute ist der Tag der Wahrheit. Jeder geht anders damit um, der eine ist witziger, der andere ruhiger. Aber jedem ist bewusst, es steht etwas ganz Besonderes bevor. Da stellen sich schon so einige Fragen: Wie werde ich mit der Distanz zurechtkommen? Werde ich eine längere Pause brauchen? Wie wird das Laufen in der Nacht sein? Wie wird es sein in der Nacht, wenn man nach einer 90-Minuten-Schlafpause vielleicht schlaftrunken weitertorkelt? Und was kann denn heute noch alles passieren, von dem ich noch überhaupt keine Vorstellung habe? Dieser letzte Punkt ist der einzige, den ich „ fürchte“. Ich kann nur hoffen, in diesem Fall die richtige Entscheidung zu treffen, ich will vorbereitet sein auf das Überraschende, sofern das möglich ist. [...]

Als ich meine dick verbundenen Zehen und daneben die Schuhe betrachte, ist eines sofort zu erkennen: die einen (Füße) passen so nicht in die anderen (Schuhe). Mein zweites Paar Socken bleibt natürlich im Rucksack. Aber was mache ich mit meinen besonderen, teuren Einlagen, die mir so wichtig erschienen? Beide Paare kommen auch in den Rucksack, völlig unnütz, nur noch sinnloser Ballast. Aber anders kommen meine riesigen Füßen eben nicht mehr in die Schuhe hinein, ohne Einlagen, ohne alles. [...]

Besonders eine Meldung schreckt mich etwas. Kurz vor Checkpoint drei gibt es 5 Kilometer lang keine Markierungen. In dem Gestrüpp und dem unebenen Gelände müssen wir uns ausschließlich mit dem Kompass orientieren. Und genau diesen Kompass habe ich irgendwo tief im Rucksack verstaut. Aber da ich annehme, dass ich sowieso irgendwo inmitten des Feldes unterwegs bin, werde ich wohl andere finden, die sehr wohl wissen, wo es langgeht oder zumindest genug Fußspuren vorfinden. [...] Langsam, sehr langsam gehen alle anderen zum Start. Ich humple, die Schmerzmittel wirken nicht. Plötzlich kommt der Startschuss, und die Königsetappe über 82 Kilometer beginnt. [...] Es ist zum Verzweifeln. Der Zwischenstand nach fünf Kilometern erschreckt selbst mich: ich bin zirka auf Platz 300, und wohlgemerkt, die besten 50 kommen noch dazu. Was mache ich da? Will ich auf dem Teilstück, in das ich mich schon vor Monaten verliebt habe, nur irgendwie durchkommen? Suche ich gar Ausreden, um aufgeben zu können? Nein! Ich werde mich noch einmal aufbäumen, ich werde einfach gegen alle Widerstände schneller zu laufen beginnen.

So beschließe ich es mit mir selbst. Denn die Schmerzen sind nicht geringer, wenn ich mich langsam bewege. Im Gegenteil, sie dauern nur länger an. Und siehe da: es geht, es geht sogar ausgezeichnet. Mit jedem Läufer, den ich überhole, wächst mein Selbstvertrauen. An der eigenen Vorstellungskraft zu arbeiten lohnt immer, scheinbare Grenzen werden weit weggeschoben. Die Freude an der Bewegung gewinnt die Überhand. Die vielen kleinen Dünen bis zum Checkpoint 1 sind in der morgendlichen Sonne ein märchenhafter Anblick und übersät von Läufern aus den verschiedensten Nationen, in allen Farben ihrer bunten Trikots.

Ich beginne nun doch damit zu spekulieren, wie weit ich noch nach vorne kommen kann. Meine Gedanken sind wieder positiv, kreisen um Schönes und das Vorwärtskommen. Beim Wasserfassen angelangt, bin ich schon 110. (+50). Danach hat sich das Feld bereits sehr in die Länge gezogen, es gibt verschiedene Grüppchen die sich dem ständigen Wind entgegenstemmen. Ich „springe“ geradezu von einer Gruppe zur anderen. Die letzten Kilometer vor dem nächsten Checkpoint verlaufen auf einem ausgetrockneten Salzsee, endlich einmal wieder ein Untergrund zum richtig Gas Geben. Auf der nahezu weißen Ebene flimmert die Luft bereits vor Hitze. Auch heute wird es einen Kick heißer als die Tage zuvor. Aber außer dass ich mehr trinken muss, ist mir das sehr egal. Plötzlich bin ich bereits 50. (+50). Es ist schon ein erhebendes Gefühl wieder etwas „bewegen“ zu können. [...]

Na dann schau ich einmal im Buffet nach, was ich sonst heute so Leckeres eingepackt habe: Normhydral und Salztabletten geben auf den nächsten Kilometern mit dem Wasser gemeinsam die wichtige salzhaltige Getränkemischung her. Dazu noch ein Müsliriiegel, und schon passt die Kalorienbilanz. Mit neuer Kraft überwinde ich einen nahezu 200 Meter hohen Sandwall. Gleich dahinter wird es besonders mühselig, wieder so ein ausgetrockneter Wadi, und das bei mittlerweile drückenden 37 Grad Celsius. Und dann wird es total ernst: die Strecke zum Selbstorientieren steht an.

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Es ist gerade die größte Hitze, dazu ein leichter Sandsturm, das Gelände ist wild strukturiert und es gibt zwei Meter hohes Gestrüpp. Das heißt, dass man keine Übersicht hat, weil man nie über die Sträucher hinwegsehen kann. Ich empfinde das als äußerst gefährliches Szenario. Gerade noch sehe ich, eine Gruppe von zehn Läufern darin verschwinden, und entscheide kurzfristig: da muss ich hin. Als ich sie mit einem Sprint einhole, beratschlagen sie momentan, wo es lang geht. Ein Franzose, ein Typ wie ein Fremdenlegionär, übernimmt das Kommando und alle folgen ihm. Es geht sehr langsam voran, und immer wieder wird innegehalten. Manchmal wird auch diskutiert, auf französisch, also ohne mich. Meine Gamaschen, die mir an den ersten Tagen noch als Schutz dienten, sind schon längst kaputt. So sind meine Schuhe bereits voller Sand, ich wage es aber, nicht zum Entleeren stehen zu bleiben. Denn wenn ich diese Gruppe verliere, könnte ich mich verlaufen. So quäle ich mich mit zum Bersten angefüllten Schuhen weiter. Nach langem Suchen kommen wir wieder in freies Gelände, der Checkpoint 3 bei Kilometer 34 ist glücklicherweise nun in Sichtweite. Wir schauen uns an: Die Klötze, die uns allen vom Herzen fallen, bringen die Sahara zum Donnern. [...]

Erstmals ist am Checkpoint kein Gedränge. Und an dem besonderen Gehabe der Kontrollposten bemerke ich, dass ich nun schon sehr weit vorne sein muss. Ich brauche zwar selbst etwas länger, da ich meine Schuhe und Socken vom Sand befreien muss, aber trotzdem verlasse ich von meiner Gruppe als Erster die Labestelle. Man sagt mir, vor mir sind nur mehr ein Spanier, ein Franzose und etwas weiter abgesetzt ein Engländer. Somit bin ich 4., obwohl man die schnellen 50 immer noch dazurechnen muss, die langsam das Feld von hinten aufrollen werden, baut mich das immens auf. Am Start habe ich mir das heute nicht mehr zu denken getraut, so bisserl nach dem Karl-Valentin Spruch: „hab i mi nit traut.“ Überwindung war es zuerst schon eine gewaltige, aber nun scheint alles wie von selbst zu laufen. Jetzt ist Erntezeit! Und, tut mir jetzt noch etwas weh? Nein, nur wenn ich mich wieder auf meine Zehen konzentriere.

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Die Strecke läuft nun ständig bergauf, ganz leicht, aber spürbar, sodass sich weiter die Spreu vom Weizen trennt. Ich erkenne, dass ich jetzt noch mehr Gas geben kann, und auch Gas geben will. Ich will den schnellen 50 ordentlich etwas vorlegen – auf in die Top 20 – irre! Den Spanier habe ich gleich ein- und überholt, doch der Franzose wehrt sich. Erst als der Untergrund noch sandiger und mühseliger wird, knacke ich ihn mit meinem Kampfgeist. Bei größtem Einsatz, ohne gleichzeitig nicht zu übersäuern, sind gerade 8 bis 10 km/h drin. Läufer sagen dazu: „ein 7:30 er- bis 6 er-Schnitt“, für die Zeit, die man für einen Kilometer braucht. Man merkt, ich komme vom Radfahren, da habe ich eher ein Gefühl für Stundenkilometer. Das klingt zwar sogar für Hobbyläufer langsam, aber es „Wollen hab ich schon mögen, nur dürfen sind so viele Faktoren, die einen behindern: Gesamtlänge des Rennens, loser Untergrund, Gewicht und Hitze sind die wichtigsten. Da laufen selbst 2:10- Marathonläufer wie die Ahansals bei diesem ihrem Spezialrennen die 42 Kilometer niemals unter 3 Stunden. Ich bin eh schon gespannt, wann sie die 3 Stunden Vorsprung aufgeholt haben werden. So richtig im Lauf hatte ich sie bisher nicht gesehen, dafür gab es noch keine Gelegenheit. Aber dass sie kommen würden, das ist mir klar, denn dafür ist der Leistungsunterschied, speziell durch meine Handicaps, zu groß.

Kurz vor dem Checkpoint 4 sehe ich nun auch den Engländer von weitem. „Verdammt noch mal“, denke ich mir. Wenn ich mir den noch hole, dann bin ich ja Erster, zumindest einmal auf der Strecke, wenn schon nicht nach der Laufzeit, dann wenigstens quasi im „B-Finale“. Beim Wassertanken erfahre ich, dass ein lange alleine führender Koreaner zwischen Checkpoint 2 und 3 abgängig ist. Er hat sich beim Orientierungslauf offenbar verirrt und wird mittlerweile seit 2 Stunden mit dem Helikopter gesucht. Da kann ich fast froh sein, dass ich anfänglich so weit hinten war, um dann noch eine größere Gruppe zu haben, und nicht so alleine vorne weg war, wie eben dieser wagemutige Koreaner. Er dürfte heute von Anfang an auf Angriff gelaufen sein, nur bei ihm ist das schon einmal „in die Hose gegangen“. Ich hoffe nur, er wird bald gefunden. Es muss eine arge Krise sein, so lange umher zuirren, das Wasser geht einem aus, man weiß nicht aus, nicht ein, schrecklich. Solche Suchaktionen kommen immer wieder einmal vor, es wurde noch jeder rechtzeitig gefunden.

Ich war wieder einmal schneller beim Boxenstopp. Somit ist der Engländer jetzt nur mehr 200 Meter vor mir. Deutlich kann ich den Rucksack sehen, er wird geziert von einem großen „union jack“ – der britischen Fahne. Unmissverständlich – das ist ein Engländer! Doch so nah ich auch bin, einholen lässt er sich nicht so einfach, er wehrt sich. Auch er weiß, dass der physiologische Vorteil
bei mir liegt, falls ich ihn einhole. Das ist das Spielchen von Jäger und Gejagtem. Ich will mich aber auch nicht verrückt machen lassen, sondern meinen Rhythmus beibehalten, denn es ist noch verdammt weit. Alle Körner jetzt schon zu verschießen, das würde ins Auge gehen. So pendelt der Abstand ständig zwischen 100 und 200 Meter. Cool bleiben, das ist meine Devise, das scheint aber auch seine zu sein. Ich gewinne immer mehr Hochachtung vor ihm. Er scheint auch genau zu wissen, was er will und was er kann. Das ist wohl das wichtigste Überlebensprinzip bei diesem verrückten Rennen. [...]


Info: Marathon des Sables

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DIE VERANSTALTER
Der Marathon des Sables wird von CIMBALY INTERNATIONAL jährlich ausgetragen und findet 2015 zum 30. Mal statt. Geschäftsführer ist Patrick Bauer.
www.darbaroud.com

MARATHON DES SABLES

Der Marathon des Sables erstreckt sich über rund 250 Kilometer in sechs Etappen. Austragungsort ist die marokkanische Sahara; Laufuntergründe sind Sand, Geröll, Stein, Fels. Die Organisation stellt lediglich 9 Liter Wasser pro Teilnehmer und Tag, einfachste Berberzelte. Die gesamte Verpflegung für die Woche, Kleidung, Schlafsack, Isomatte und Pflichtgegenstände, sind vom Teilnehmer selbst zu tragen. Am Start sind das 8 bis 11 kg im Rucksack, im Ziel immer noch um die 6 kg.

 

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