MADE IN MAROKKO

MADE IN MAROKKO

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IM LAND DER SCHÖNEN TEPPICHE

Sven Kämmerer ist seit über 30 Jahren regelmäßig in Marokko unterwegs. Auf all seinen Reisen begegneten ihm immer wieder die wunderschönen Berberteppiche. Zu einem Kauf durchringen konnte er sich aber nie. Zu groß war der Respekt vor einer Fehlentscheidung. Schön sind sie ja alle irgendwie. Aber welchen nehmen? Und überhaupt: Wo kommen diese Teppiche her und wer hat sie hergestellt? Bezahlt man da nicht viel zu viel? Diesmal wollte er es genauer wissen: Kämmerer reiste dorthin, wo die meisten Berberteppiche in Marokko hergestellt werden: in eine Kleinstadt, die sich in den nordwestlichen Ausläufern des Antiatlas befindet – nach Taznakht. Ist er diesmal fündig geworden?

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Fotos / Text: KASBAH

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Ijja bereitet gerade das Frühstück zu. Es gibt Berber-Pizza, so nennen sie hier die mit Kräutern gefüllten Teigfladen, die in der Pfanne aufgebacken werden. Lecker, aber hungrig bin ich noch nicht. Gestern Abend habe ich wohl beim gemeinsamen Couscous-Essen zu viel gegessen. Und im Gegensatz zu Ijja und ihren Brüdern, die schon seit Stunden auf den Beinen sind, bin ich gerade erst aufgestanden. Ich bin zu Gast bei einer Familie, die eine von mehreren Handwerkskooperativen in Taznakht betreibt. Den meisten Touristen dürfte der Ort wohl nicht bekannt sein. Aber die Einkäufer der feinen Teppichgeschäfte in Marrakesch, Fes, Tanger und Essaouira kennen dieses Provinznest nur allzu gut. Denn Taznakht ist das Produktionszentrum für traditionelle Berberteppiche. Und eben deshalb bin ich hier. Ich möchte einen dieser schönen Teppiche kaufen – aus erster Hand. Der unscheinbare Ort liegt im östlichen Ausläufer des Antiatlas auf 1400 Metern Höhe in einer windreichen Wüstenregion, 260 Kilometer südlich von Marrakesch, 280 Kilometer östlich von Agadir und knapp 90 Kilometer südwestlich von Ouarzazate. Im Sommer steigen die Temperaturen auf über 40 Grad im Schatten, im Winter friert es. Touristisch gesehen ist Taznakht absolutes Niemandsland. „Taznakht hat etwa 10.000 Einwohner. Hier leben ausschließlich Berber“, erzählt mir Abdallah.

DIE EINKÄUFER DER FEINEN TEPPICHGESCHÄFTE

IN MARRAKESCH KENNEN TAZNAKHT NUR ALLZU GUT:

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Ijja und ihre Familie wohnen in einem geräumigen, einstöckigen Haus in der Altstadt von Taznakht. Sie gehören zu den Aït Ameurs. In der Region leben auch die Clans der Aït Ouardas, Aït Douchenes und Aït Semguan. Jeder Clan hat seine eigenen Traditionen und Teppichmotive. Brot wird im traditionellen Lehmofen gebacken.

 

Er leitet die Cooperative Espace Taznakht, seine Schwester Ijja kümmert sich in der Kooperative um die Weberinnen. „Die Frauen hier sprechen nur die Berbersprache. Meine Schwester übersetzt für sie ins Französische, hilft bei den Aufträgen und den Verkäufen“, sagt er.„Früher war die Teppichherstellung noch bedeutender. Teppiche waren ein begehrtes Tauschobjekt im Handel mit Fellen, Datteln, Zucker, Salz, Schmuck oder Tee. Das hat sich natürlich geändert.“ „Wo sind denn die Teppiche?“, frage ich etwas ungeduldig. In diesem großen Haus hatte ich einen Ausstellungsraum erwartet, wo schön präsentierte Teppiche zum Kauf angeboten werden, so wie in einem Teppichladen eben. Aber Ijja hat offenbar keine Lust, mir einen Teppich zu zeigen, geschweige denn, mir einen zu verkaufen. Stattdessen erklärt sie mir im benachbarten Atelier, wie diese Teppiche hergestellt werden. „Hier werden sie also geknüpft“, versuche ich festzustellen. „Nein, nur einige! Die meisten Frauen arbeiten zu Hause an ihren eigenen Webstühlen. Aber manche Frauen bevorzugen es, hier im Atelier zu arbeiten“, sagt Ijja. Nach hochkonzentrierter Arbeit sieht es hier nicht aus. Eher nach einer geselligen Mütterrunde mit Krabbelgruppe. Kleinkinder und Babys wuseln um den Webstuhl herum. Aus dem Radio ertönt Berbermusik, die Stimmung ist ausgelassen. Die Frauen scherzen. Ich habe den Eindruck, als würden sie sich über mich lustig machen. Aber das bin ich gewöhnt. Trotz der heiteren Stimmung geht die Arbeit am halb fertigen Teppich gut voran.


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Taznakht besitzt eine Neu- und eine Altstadt. Überall ist die Bedeutung der Teppichherstellung für die Stadt sichtbar. Sogar die örtliche Fahrschule ist mit Teppichen dekoriert. Ansonsten ist hier nicht viel los. Für große Besorgungen und Behördengänge fahren die Bewohner von Taznakht nach Ouarzazate.

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Mit flinken Fingern laufen die Knüpfarbeiten wie automatisiert ab. Nur ab und zu unterbricht eine Weberin ihre Arbeit und zählt die Knüpfreihen ab. Dann geht es weiter. Immer wieder tauschen die Weberinnen die Plätze. Geht eine Frau hinaus, um sich um die Kinder zu kümmern, nimmt eine andere Weberin ihren Platz ein. Monoton ist anders. „Habt ihr auch fertige Teppiche?“, frage ich Ijja. „Ja!“, sagt sie nur kurz, macht aber keinerlei Anstalten, mir welche zu zeigen. „Die Fertigungszeit für einen Teppich hängt von seiner Größe und seinen Motiven ab“, erklärt Ijja. „Das kann sogar einige Monate dauern! Aber der Aufwand lohnt sich. Ein Berberteppich hält 60 Jahre, manchmal länger, er wird mit der Zeit zu einem historischen Gegenstand! Wenn er nach zehn Jahren gewaschen und dann für zwei Wochen in die Sonne gelegt wird, sieht er wieder aus wie neu.“ Wir verlassen das Atelier, ich folge Ijja auf Schritt und Tritt. Vielleicht zeigt sie mir ja jetzt ihre Kostbarkeiten. Deswegen bin ja schließlich hier. Aber weit gefehlt. Wir gehen zu einem nahe gelegenen Platz, auf dem eine große Tonne steht, darin eine blaue Flüssigkeit und Wolle. „Alles Bio“, sagt Ijja. „Hier wird die Wolle gefärbt. Die Farben werden ausschließlich aus Pflanzen gewonnen. Indigo erhält man aus den Blütenblättern von Safran und Rosen. Rot wird aus Klatschmohn gewonnen, schwarz aus Kohle und grün aus Henna und Granatäpfeln.“

DIE STIMMUNG IST AUSGELASSEN, ES LÄUFT MUSIK

FLINKEN FINGERN GEHT DIE ARBEIT SCHNELL VORAN

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Früher waren die Teppiche lang und schmal. Heute haben sie verschiedene Größen. Die Pfosten und Querbalken des Webstuhls werden auf die Größe des Teppichs angepasst. An einem Teppich arbeiten bis zu acht Frauen. Jede ist für ein Motiv zuständig.

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Sie erklärt mir, dass die Wolle zusammen mit den Blüten-blättern und Pflanzen gekocht wird. Damit die Wolle die Farben gut aufnimmt, gibt man Datteln und Feigen hinzu. „Wir verwenden nur natürliche Produkte. Dafür sind die Teppiche aus Taznakht im ganzen Land bekannt. Keine Chemikalien! Das schadet auch nur der Umwelt“, sagt sie. Mittlerweile weiß ich ganz gut über die Teppichherstellung Bescheid. Aber mit dem Kauf wird das wohl nichts mehr. Schade eigentlich. Wieder zurück im Haus gehen wir zu einem etwas abgelegenen Zimmer im hinteren Teil des Ganges. Es ist verschlossen, sie muss zunächst noch den Schlüssel suchen. Als sich die Tür öffnet, bin ich sichtlich überrascht: Denn da liegen die Kunstschätze. Allerdings sieht es hier nicht gerade aus wie in einem schicken Präsentationsraum. Das große Zimmer erinnert eher an einen Lagerraum. „Weberinnen, die ihren Teppich verkaufen möchten, versuchen das entweder auf dem Souk in Taznakht oder über uns. Auf dem Markt geht es schneller, aber der Teppich erzielt weniger Geld als bei uns. Dafür dauert der Verkauf über uns länger. Für den Verkauf brauchen wir ein bis zwei Monate. Wir erhalten dann vom Erlös 20 oder 30 Dirham (zwei bis drei Euro, Anm. d. Red.) vom Verkäufer als Provision.“ 

„WIR VERWENDEN NUR NATÜRLICHE PRODUKTE. DAFÜR

SIND UNSERE TEPPICHE IM GANZEN LAND BEKANNT”

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Das Mischen der Farben erfordert genaue Kenntnisse. Orange erhält man zum Beispiel durch rot und grün. Die Wolle kocht etwa eine Stunde, bis sie eine schöne Farbe angenommen hat. Dann wird sie gewaschen, getrocknet und in Stücke geschnitten.

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Teppiche aus Taznakht werden in Marrakesch sehr teuer verkauft. Ein Teppich, der hier für 3000 Dirham (300 Euro, Anm. d. Red.) verkauft wird, kostet in Marrakesch mehr als das Doppelte. „Die Marrakchi“, sagt Ijja „können sehr schön sprechen und noch besser verkaufen.“ Ganz so einfach ist das jedoch nicht. Die Souks von Marrakesch, Essoauira und Fes sind weit entfernt und die Teppiche müssen auch erst einmal über den Hohen Atlas transportiert werden. Transportkosten und Margen der Wiederverkäufer schlagen sich natürlich im Preis des Teppichs nieder. Und welcher Tourist hat schon die Zeit, bis nach Taznakht zu fahren? Berücksichtigt man Zeit und Aufwand, erscheinen die höheren Preise durchaus nachvollziehbar. Zumal sich in den Souks ja auch bekanntermaßen handeln lässt. Die wenigen Touristen, die es nach Taznakht verschlägt, entscheiden sich meist für Webteppiche, weil sie weniger Platz wegnehmen. Sehr beliebt sind auch die sogenannten Glaoui-Teppiche mit ihren traditionellen Motiven sowie die Aknif-Teppiche, die dünn zusammengerollt werden können. Knüpfteppiche sind deutlich schwerer, halten aber auch länger. Ijja hat inzwischen zwei Jugendliche herbeigerufen, die einige Teppiche in den Hof bringen. Ich packe mit an, denn die großen Teppiche sind verdammt schwer. Im Hof ausgerollt und vom Sonnenlicht ausgeleuchtet sieht einer schöner aus als der andere. Nur welchen nehmen? Da unsere Altbauwohnung keinen Ballsaal hat, scheiden die Riesenteppiche schon mal aus

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Kein Teppich ohne Unterschrift. Jeder Käufer eines Teppichs wird in Ijjas Kontenbuch festgehalten. Genauso wie die Weberinnen. Die Kooperative Espace Taznakht wurde 2002 ins Leben gerufen. Das Ziel ist, die traditionelle Teppichherstellung, das Handwerk und die Kultur zu erhalten. Zudem soll den Weberinnen das Verkaufen erleichtert werden. 

„TEPPICHE AUS TAZNAKHT SIND

WAHRE KUNSTWERKE”

Aber dann bleiben immer noch genügend schöne Teppiche übrig. Ich habe die Qual der Wahl. Ijja versucht mir zu helfen: „Die Motive auf den Teppichen sind vom Berberalltag inspiriert. Schau, das hier ist ein Spiegel, dort – das ist ein Kamel oder da drüben, das ist das Skelett einer Schildkröte. All diese Motive haben eine Bedeutung: Das Kamel trinkt nur alle drei Monate, es beschreibt die Geduld. Der Spiegel steht für die Pubertät der Berberfrauen und bedeutet: ‚Bin ich schön?‘. Das Skelett der Schildkröte sym-bolisiert den Regen. Durch diese Symbol-sprache erzählen die Teppiche vom Leben der Frauen, ihrem Leid, ihrem Glück, vom Alltag und geben Auskunft über ihre Rolle in der Gesellschaft. Außerdem gibt es viele Motive mit einem Bezug zur Wüste. Die Motive spiegeln also auch unsere geo-grafischen, wirtschaftlichen und kulturellen Gegebenheiten wider. In den Teppichen zeigt sich unsere Identität.“ Was in so einem Teppich alles drinsteckt – denkt man gar nicht! Ich bin beeindruckt. Und Ijja lässt nicht nach, die Vorlesung geht weiter: „Ein Teppich ist ein Kunstwerk. Unsere Arbeit ist ja weit mehr als die bloße Verarbeitung von Schafs-wolle. Die Teppiche sind seit jeher Ausdruck unserer Kreativität. Seit Generationen lernen die Mädchen das Weben von ihrer Mutter. Es gibt kaum Landwirtschaft in Taznakht, lediglich etwas Safrananbau. Es bleibt nur die Teppichherstellung.“

„Der da!“, rufe ich etwas unhöflich dazwischen und zeige auf einen bunten Teppich. „Der würde mir ganz gut gefallen“, sage ich. „Wir können uns den ja mal näher ansehen“, antwortet Ijja. Sie schiebt die anderen Teppiche zur Seite und nimmt ihn mit ins Haus. Dort erklärt sie mir die Besonderheit dieses Teppichs. „Im Grunde gibt es zwei Arten von Teppichen: Knüpfteppiche und Webteppiche. Für einen gewebten Teppich nutzt man lange Fäden. Für einen Knüpfteppich werden sehr kurze Fäden verwendet, er ist komplizierter herzustellen und deutlich arbeitsintensiver. Dann gibt es auch noch Teppiche, die mithilfe beider Techniken gefertigt werden. Nur sehr erfahrene Weberinnen können das. Für solch einen Teppich hast du dich nun entschieden, eine gute Wahl.“ Ijja nimmt eine Kladde aus dem Regal. Es ist eine Art Kontenbuch. Sie schlägt es auf und zeigt mir eine bestimmte Seite. „Hier sind alle Weberinnen aufgelistet. Wenn ein Teppich verkauft wird, wird das eingetragen, mit Preis, Namen und Adresse des Käufers“, berichtet sie. „Hier“, fährt sie fort, „diese Frau hat den Teppich hergestellt, der dir so gut gefällt, ihre Tochter hat dabei geholfen. Siehst du?“ „Diese Frau hat meinen Teppich gemacht?“, frage ich etwas ungläubig. „Ja“, sagt Ijja, „der Teppich gehört ihr. Noch.“ Ich kaufe den Teppich. Handeln will ich nicht. Er kostet umgerechnet 175 Euro, eigentlich viel zu wenig für all die Arbeit. Ich gebe Ijja 200 Euro, aber das will sie so nicht annehmen und schenkt mir noch einen kleinen Teppich. Ob der Kauf eines Teppichs in den Souks der Metropolen auch so abläuft? Ich weiß es nicht.

Viele Wochen später zurück in Berlin. Der Teppich aus der Kooperative in Taznakht hat mittlerweile seinen festen Platz in unserem kleinen Salon gefunden. Inzwischen habe ich auch festgestellt, dass in meinem Arbeits-zimmer der Dielenboden etwas nackt aussieht. Platz wäre durchaus. Ich glaube, ich werde bei Ijja noch einen weiteren Teppich in Auftrag geben …


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Der Teppich aus Taznakht liegt jetzt zwischen zwei Sofas, die von einer Bielefelder Möbelmanufaktur hergestellt worden sind, und zwei Sesseln einer Wiener Möbelfabrik, die in Handarbeit nach Lizenz Jugendstil-Klassiker nachbauen. Also – alles Handarbeit. Der Teppich befindet sich in bester Gesellschaft.

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