MEDINA

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Über den Dächern von
MARRAKESCH

In keiner anderen Metropole gibt es eine derart kultivierte Dachterrassenkultur wie in Marrakesch. Hier kann man eine kurze Auszeit vom atemberaubenden „Kulturbetrieb“ nehmen. Das ist notwendig. Denn in den Souks entdeckt der Reisende ein einzigartiges, exotisches Universum voller Überraschungen. Sven Kämmerer war auf den Dachterrassen von Marrakesch unterwegs.

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Text: Sven Kämmerer

„in Marrakesch zieht es mich immer wieder nach ganz oben auf die

Dachterrasse des Café de France. Der Ausblick ist atemberaubend.“

Die Sonne erobert langsam den Djemaa el Fna, der um diese Uhrzeit noch nicht richtig ausgeschlafen hat. Der Himmel ist stahlblau. Es scheint wieder ein wunderbarer Tag zu werden. Ich habe schon einige hundert Meter zurückgelegt – Morgensport – und bin auf dem Weg zu meinem „Theater“. Heute frühstücke ich nicht im Riad, sondern im Café de France. Es befindet sich direkt am Djemaa el Fna und ist eine Institution. Es gehört zu Marrakesch wie das Café de Flore zu Saint-Germain-des-Près in Paris. Dabei ist das Café de France keine Szenelocation, kein aufgehübschtes Latte- Macchiato-Café mit durchdesigntem Interieur. Im Gegenteil. Mit dem schlichten Mobiliar und seinem morbiden Charme ist es so bescheiden zeitlos, dass es niemals trendy werden kann.

Auf der netten Terrasse haben sich schon ein paar Gäste eingefunden, wohl auch Frühaufsteher. Dort sitzen sie in meinem „Theater“, im Parkett, erste Reihe und gehören gewissermaßen als lebendes Inventar zur Bühne. Gelebtes Theater in Marrakesch. Berthold Brecht hätte sicher seine wahre Freude. Wenn ich in Marrakesch bin, zieht es mich immer wieder hierhin, und zwar nach ganz oben auf die Dachterrasse. Sie ist zwar Sonne und Wind schutzlos ausgesetzt, aber der Ausblick entschädigt für alles. Gerade bekomme ich meinen café crème. Essen wird auf dem Dach nicht serviert, vermutlich ist den Kellnern der Service über die steile Treppe zu anstrengend. Das macht gar nichts. Ich wusste das, bin dementsprechend präpariert und habe mir ein kleines Lunchpaket mitgebracht. Auf dem Hinweg konnte ich noch einen kleinen Schlenker über die „Pâtisserie des Princes“ machen. Sie liegt ebenfalls ganz in der Nähe des Djemaa el Fna und gehört zu den besten der Stadt.

Wer eine Vorliebe für delikate Pâtisserie hat, sollte hier auf keinen Fall vorbeigehen. Mir gelingt das nie. Eigentlich wollte ich nur ein Croissant kaufen, dann aber sah ich unter dem gläsernen Tresen die Objekte der Begierde: „pain au lait“, „tarte au citron“, „forêt noire“ sowie raffinierte Kreationen mit Blätterteig und Cremetörtchen bis hin zum primitiven Fettgebäck. Ich war wie hypnotisiert. Die wirklich ernste Gefahr lauerte aber hinter meinem Rücken. Dort steht der Vitrinenschrank. Er ist riesig, reicht vom Boden bis unter die Decke und erstreckt sich über die gesamte Wand. Darin: die berühmten gâteaux secs, hausgemachte Kekse, feinste Pralinen und Schlimmeres. Alles, was Sie jemals über feine Pâtisserie zu erfahren versuchten, aber nie danach zu fragen wagten – hier können Sie es: „Das sieht ja gut aus. Wie sind denn die tartes aux fraises?“ „Elles sont excellentes, Monsieur!“ „Und das hier, die tarte au citron?“ „Aussi.“ Ich zeige auf eine Schokoladentorte, die wohl nur aus Schokolade besteht, genau kann ich es aber nicht erkennen. Ich frage lieber nochmal nach. „Ist die Torte ganz aus Schokolade?“ „Bien sûr, Monsieur!“ Ich lasse mir einen kleinen Karton zusammenstellen. Mein Croissant hab ich auch gekauft. Ich denke, nach meinem Spaziergang hab ich mir das verdient. Marrakesch ist eine Stadt der kurzen Entfernungen.


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Das berühmte „Café de France“. Von den Terrassen genießt man eine wunderbare Aussicht auf den Djemaa el Fna. Der Aufstieg gleicht einer kleinen Entdeckungsreise: Vom eigentlichen Café-Parterre erreicht man zunächst den Speisesaal, der sich zu einer Terrasse hin öffnet. Die meisten Gäste gehen noch ein Stockwerk höher. Auf der Terrasse sitzt man ebenfalls im Schatten, die Aussicht ist fantastisch. Über eine schmale Treppe erreicht man schließlich die Dachterrasse. Der Blick über die Dächer von Marrakesch bis zu den schneebedeckten Gipfeln des Hohen Atlas ist spektakulär. 

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Djemaa el Fna
Theater und Arena, Markt- und Rummelplatz, anarchische Heiterkeit und geschäftstüchtige Schläue – dieser Platz präsentiert dies alles in flirrender Gleichzeitigkeit. Aus gutem Grund hat die UNESCO diesen Platz 2001 auf die Liste des immateriellen Kulturerbes der Menschheit gesetzt: Nicht ein Ensemble aus historischen Baudenkmälern macht diesen Platz so einzigartig, sondern eine Art soziale Skulptur, die sich hier tagtäglich aus jenen Akteuren formt, die das Gelände bevölkern. Zwischen unzähligen Garküchen, die allabendlich die Gäste bekochen, sind hier Wasserverkäufer, Akrobaten, Possenreißer, Märchenerzähler, Wunderheiler, Feuerschlucker, Schlangenbeschwörer und Wahrsager zugange. Heilkräuter und Amulette werden feilgeboten, die öffentlichen Schreiber bieten ihre Dienste an – für die, die nicht lesen und schreiben können … Wahrhaftig ein „immaterielles“ Kulturgut – überwältigend und schwer zu fassen.

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Medersa Ben Youssef
Der Sakralbau aus dem 16. Jahrhundert ist Lehranstalt und Koranschule in einem. Er besticht durch muslimische Ornamentkunst in handwerklicher Vollendung.

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Saadier-Gräber
Das prächtig ausgestaltete Mausoleum stammt aus der Ära der Saadier. Der Fund war eine Sensation: Die eindrucksvolle Nekropole wurde erst 1917 wiederentdeckt.

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Koutoubia-Moschee
Mit ihrem 77 Meter hohen Minarett ist sie das Wahrzeichen der Stadt. Die Koutoubia- Moschee stammt aus dem 12. Jahrhundert – aus der Epoche der Almohaden.

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Menara-Garten
Diese einmalige Gartenanlage wurde im 12. Jahrhundert angelegt. Vom Pavillon, der aus dem 19. Jahrhundert stammt, hat man eine spektakuläre Aussicht auf den Hohen Atlas.

„Die Dachterrassen sind wichtige ‚Rückzugsorte‘. Man kann nach

Bedarf ‚Abstand‘ von all der Exotik gewinnen und zur Ruhe kommen.“

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Da will alles zu Fuß erledigt sein. Wie die Pâtisserie des Princes gibt es in Marrakesch viele dieser hervorragenden Fachgeschäfte. In europäischen Großstädten wurden sie in den Zentren längst von Shoppingmalls verdrängt. Hier haben sie überlebt. In den Souks, wo das Herz von Marrakesch schlägt, findet man sie in den unterschiedlichsten Größen: winzige, kaum schrankgroße Läden, elegante Boutiquen und weiträumige Kontore wechseln einander ab. In diesen unzähligen Fachgeschäften finden Touristen alles, was die marokkanische Basarökonomie an Souvenirs aufbietet, und die „Marrakchi“, was sie für den Alltag brauchen. Hier gibt es nichts, was es nicht gibt: Fahrradketten, Handyakkus, Baumaterial, Safran, Arganöl, eine komplette Wohnzimmereinrichtung … Beeindruckend ist die perfekte Versorgungslogistik: Kurze Einkaufs- und Vertriebswege, ein nach Branchen aufgefächertes Warensortiment, Recyclingkreisläufe eines nachhaltigen Wirtschaftens und noch dazu Fachwerkstätten en masse – die Kunst des Reparierens beschäftigt hier immer noch ein Heer von Spezialisten. Wer zum ersten Mal Marrakesch besucht, entdeckt in den Souks ein exotisches Universum, das weltweit einzigartig und voller Überraschungen ist. Die Souks locken mit leuchtenden Farben und betörenden Gerüchen. Gewürze sind zu Pyramiden aufgeschichtet, Frischfleisch hängt an Haken und 40 verschiedene Dattelarten warten auf Käufer. Dazwischen winzige Garküchen. Rauchschwaden, unbekannte Aromen würzen die Luft. Es heißt, wer die Medina von Marrakesch nicht mit allen Sinnen wahrgenommen hat, der ist nie wirklich in Marokko gewesen. Eine Entdeckungstour in der Medina ist spektakulär, einmalig und voller Kontraste – Marrakesch hat dem Gast unendlich viel zu bieten, fordert ihn aber auch. Denn all die neuen Eindrücke wollen erst einmal verarbeitet werden. Bei einem Bummel durch die Souks erscheinen dem Besucher Orte wie das Café de France wie eine Oase in der Wüste. In einer Stadt, die den Reisenden zu vereinnahmen weiß, sind solche Terrassen wichtige „Rückzugsorte“. Man kann nach Bedarf „Abstand“ von all der Exotik gewinnen, zur Ruhe kommen und sich die zahlreichen Theaterdarbietungen von der Loge aus anschauen. In den Souks von Marrakesch gibt es viele solcher Inseln der Ruhe, wie zum Beispiel die zahlreichen Cafés auf dem Marché aux épices, auf dessen Terrassen sich die Touristen jederzeit dem intensiven „Kulturbetrieb“ entziehen können.

Ich kann so einen ganzen Tag verbummeln: Mal einen café crème auf der einen Terrasse hier, mal einen frisch gepressten Orangensaft auf dem anderen Dach dort. Aber wie lange wird das so noch möglich sein? Wie ein großes Nachrichtenmagazin berichtete, hat eine amerikanische Fast-Food-Kette ein Angebot zum Kauf des Café de France abgegeben. Es wurde abgelehnt. Während ich darüber nachdenke, wie lange sich der Besitzer solchen Offerten noch wird entziehen können, wird mir klar, dass bald wieder Showtime ist. Die Sonne ist schon fast untergegangen und auf dem Djemaa el Fna werden bereits die Garküchen aufgebaut. Ich muss jetzt unbedingt los. In meinem Theater beginnt gleich die nächste Vorstellung. Und die will ich auf keinen Fall verpassen.


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Auf dem „Marché aux épices“. Hier haben sich die Händler auf Körbe, Hüte, Teppiche und natürlich auf Gewürze spezialisiert. In Marrakesch gibt es unzählige solcher „Fachmärkte“: Es gibt Souks für Stoffe und Lederpantoffeln, für Seifen und Parfums, für getriebenes Kupfer und Holzschnitzereien, für Lederjacken und Kaftane. Und in der sogenannten Kissaria, dem Bezirk für besonders kostbare Waren, wird ausschließlich Gold- und Silberschmuck verkauft.


Marrakesch: weitere Highlights und Ausflüge

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PALAIS EL BADI
MARRAKESCH
Die Ruine entstammt einer Palastanlage, die der bedeutendste Sultan aus der Dynastie der Saadier im 16. Jahrhundert erbauen ließ.

PALAIS DELA BAHIA
MARRAKESCH
Die weitläufige Palastanlage vermittelt, obschon unmöbliert, einen guten Eindruck von der arabischen Wohnkultur.

LANDPARTIE
OURIKA-TAL
Von Marrakesch aus ist man kaum 30 Minuten unterwegs – und schon trägt der Fahrtwind unbekannte Düfte ins Wageninnere: Prisen eines würzigen Geruchs. Draußen rauscht Gewässer. Man sieht kleine terrassierte Felder beidseits der Straße, die von kleinen Mauern begrenzt werden, Obstplantagen sowie Nuss- und Mandelbäume und im Licht schimmernde Farben – eine idyllische Landschaft, die die hektische Betriebsamkeit der Metropole vergessen lässt. Das Ourika-Tal bietet sich für eine Art Landpartie von Marrakesch aus an. In Setti Fatma endet die Teerstraße. Dort locken mehrere Wasserfälle. Hier kann man wandern, baden, picknicken, auf Maultieren ausreiten oder diverse Trekkingtouren starten. Ein schöner Tagesausflug und pure Erholung.

STRANDBAD II
REISEN MIT KINDERN

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