REISEN MIT KINDERN

REISEN MIT KINDERN

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DER KLEINE PRINZ UND DIE
WÜSTE

Marokko mit Kleinkindern. Geht das? Ja! Wer gut vorbereitet ist und einige einfache Grundregeln akzeptiert, wird wundervolle Erlebnisse und unvergessliche Eindrücke mit nach Hause nehmen. Sven Kämmerer war mit Kind und Kegel in Südmarokko, Marrakesch und Essaouira unterwegs.

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Text und Fotos: Sven Kämmerer

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Als sich die junge Marok-kanerin unseren Florian schnappt und in den Arm nimmt, ruft sie begeistert ihren Eltern zu: „Comme il est mignon!“ „Hast du den kleinen Jungen gesehen? Ist der nicht süß. Und seine Backen!“ Beide strahlen um die Wette. Die junge Frau ist nicht von hier. Sie macht mit ihren Eltern und ihren Geschwistern Urlaub im eigenen Land. Sie wollen „mal schauen, wie die Sahara so ist“. Das wollen wir auch. Es ist Silvesterabend. Wir, das sind Mathilde, ich und unser zehn Monate alter Sohn Florian, sind zwei Einladungen aus Marokko gefolgt: Heiligabend in Essaouira und Silvester in Merzouga. Wir waren schon oft in Marokko. Aber nicht zu dritt. So musste diesmal anders geplant werden. Nach reich-licher Überlegung sahen wir dann auch die neue Reisesituation sehr klar: Der Flug von Berlin nach Agadir dauert keine vier Stunden. Anreisestress ist somit nicht zu erwarten. Wenn die Unterkünfte picobello sauber sind, wird es auch keine Hygieneprobleme geben. Außerdem sollten wir uns viel Zeit nehmen. Für Florian, das Land und für uns.

Wenige Wochen später befinden wir uns dann mitten in der Sahara, in Merzouga. Dort befand sich vor über 1000 Jahren das legendäre Sijilmassa. Die Oasenstadt war damals ein wichtiger Verkehrsknotenpunkt auf der Transsahararoute zwischen Europa und Schwarzafrika. Die Ruinen von Sijilmassa sind mittlerweile versandet. Dafür erblüht Merzouga im Zuge des Wüstentourismus: Sämtliche Hotels sind ausgebucht und am Fuße der Dünen haben sich etliche Wohnmobile postiert. Die Touristen wollen alle dasselbe: die Silvesternacht in den Dünen verbringen.
Florian versucht derweil, die Sahara zu erobern. Auf allen Vieren kämpft er sich gerade eine kleine Minidüne hinauf. Ihm kommt das alles merkwürdig vor: Der Sand ist goldgelb und viel feiner als zu Hause. Und überhaupt: So viel Platz! Den ist er nicht gewöhnt. Auf seinem Spielplatz im Prenzlauer Berg tummeln sich bei schönem Wetter Dutzende von Kindern auf engstem Raum. Die Mütter nicht mitgezählt. Sogar einem Freilandhähnchen wird mehr Bewegungsraum zugestanden: Ein Bresse-Huhn zum Beispiel hat elf Quadratmeter. Ganz für sich allein und zertifiziert. Davon können Kinder auf Berliner Spielplätzen nur träumen. Allzu verständlich, dass Florian allmählich Gefallen am großen Sandkasten findet. Plötzlich krabbelt der kleine Wüstenkäfer los, als gäbe es kein Morgen mehr. Er ist außer Rand und Band vor Freude. Vor der jungen Marokkanerin gibt es trotzdem kein Entkommen.
Für unsere Reise stehen uns fast sieben Wochen zur Verfügung. Der ambitionierte Streckenverlauf – Agadir, Essaouira, Marrakesch, Merzouga, Marrakesch, Agadir – ist vor diesem Hintergund entspannt machbar.

„Florian versucht, die Sahara zu
erobern. Auf allen Vieren kämpft er
sich eine kleine Minidüne hinauf.“

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Saharasand rieselt viel feiner durch die Hände als Berliner Sandkastensand. Sollen wir welchen mit nach Hause nehmen?

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 Am liebsten hätte sie ihn gar nicht mehr aus den Händen gegeben. Die junge Marokkanerin war ganz verrückt nach Florian.

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Die Anreise von Berlin nach Agadir erfolgte mit einem Low-Cost-Flieger. Wir hatten die letzte Sitzreihe in Beschlag genommen. Direkt neben dem WC und vor der Bordküche. Die Milch für Florian konnte so schnell aufgewärmt werden und das WC war zum Wechseln der Windeln schnell erreichbar. Dass sich über der Toilette ein Wickeltisch ausklappen lässt, war uns früher nie aufgefallen. Florian hat nach seinem Drink sofort tief und fest bis kurz vor der Landung geschlafen. Die knapp vier Stunden sind buchstäblich wie im Flug vergangen.
Bei der Einreise am Flughafen sollten wir zu spüren bekommen, was wir zuvor so oft von anderen Familien, die in Marokko mit ihren Kindern unterwegs waren, gehört haben: „Die Marokkaner lieben Kinder über alles, sie vergöttern sie geradezu. Es gibt kein kinderfreundlicheres Land als Marokko.“ In der Warteschlange wer-den wir von hinten nach vorn gewunken. Der Beamte strahlt Florian an, kitzelt ihn und stempelt unsere Pässe ab. In Marokko haben Kinder – anders als bei uns – Vorrang. Die Marokkaner pflegen keine ökonomische Beziehung zu Kindern. Sie bedeuten Segen und Glück und man betrachtet sie losgelöst von Zeitaufwand und Gewinnmaximierung.

Der Mietwagen steht schon bereit. Ein Diesel, französisch-rumänische Marke, marokkanische Herstellung. Einfach. Praktisch. Gut. Der bestellte Kindersitz ist auch da. Die Übergabe klappt reibungslos. Florian ist ausgeschlafen und gut drauf. Wir machen noch einen kurzen Stopp im Marjane, dem großen Supermarkt ganz in der Nähe des Flughafens. Hier gibt es alles wie bei uns. Wir legen uns eine eiserne Reserve Wegwerfwindeln sowie jede Menge Gläschen Beikostnahrung zu. Ein paar Flaschen Rotwein einheimischer Produktion schaden auch nicht. Der Einkauf geht ruckzuck. Ganz anders die vielen marokkanischen Familien, die man hier sieht. Sie hetzen nicht durch die Regalreihen. Sie flanieren und sind tipptopp gekleidet. Der Besuch eines großen Einkaufszentrums – für uns eher eine pragmatische Pflichtübung – ist hier noch etwas Besonderes. Wir übernachten in Agadir und genießen den frühen Abend. Es ist noch wunderbar warm. Zu Hause schneit es.

Am nächsten Tag steht die Fahrt nach Essaouira an. Stets an der Küste entlang, führt sie durch eine Region, in der das kostbare Arganöl hergestellt wird. Florian bekommt von der Fahrt nichts mit. Auch die Serpentinen im letzten Drittel der Strecke lassen ihn unbeeindruckt. Er schläft. Am späten Vormittag erreichen wir unser Hotel, das sich 15 Kilometer landeinwärts befindet, eingebettet in einem hübschen Tal, umgeben von Palmen und Olivenbäumen. Eine Woche werden wir hier ausspannen. Unsere Unterkunft ist ein weitläufig angelegtes Kasbah-Hotel im Berber-stil.

„Die Marokkaner pflegen keine ökonomische Beziehung zu
Kindern. Sie bedeuten Segen und Glück und man betrachtet
sie losgelöst von Zeitaufwand und Gewinnmaximierung.“


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Florian und die Frau aus den Bergen: Beide sind aus verschiedenen Welten und auf der Durchreise. Und doch bleibt etwas Zeit für eine kurze Begrüßung. Florian wäre am liebsten auf einem Esel weitergereist.

„Florian genießt die Abwechslung, aber auch die Aufmerksamkeit,
die ihm die freundlichen und warmherzigen Menschen schenken.“

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Es besitzt viele Terrassen, einen riesigen Garten mit exotischen Pflanzen, zwei beheizte Schwimmbäder, Apartmenthäuser, ein Hammam und jede Menge Wellnessgedöns. Die Anlage ist picobello, und gerade dieser Aspekt ist uns nicht unwichtig. Florian befindet sich noch in der Krabbelphase. Er kann stehen, aber noch nicht gehen. Seine Welt spielt sich zurzeit – wenn nicht im Bett und im Kinderwagen – auf dem Boden ab.
Im Hotel begegnen uns ausnahmslos Familien mit kleinen Kindern, einige sind noch jünger als Florian. Die At-mosphäre ist familiär. Im großen Speisesaal gibt es extra kleine Tische und Stühle für Kinder, daneben Sofas und Couchinseln, auf denen man rumtoben kann. Das Besondere an diesem Hotel ist aber ein großer und von allen Seiten zugänglicher Raum. Er ist voll verglast und befindet sich inmitten des Hotels. Das ist die Küche. Eltern, Familien, Köche und Kellner begegnen sich hier ungezwungen auf Augenhöhe. Die Atmosphäre ist deswegen unvergleichlich locker, und genau das spüren die Kinder. Für sie ist das hier alles wie in einem Freizeitpark.

Offiziell hat das Hotel, das dem sympathischen, belgischen Hotelkaufmann Michel gehört, bis zum zweiten Weihnachtstag, dem Tag unserer Abreise, geschlossen. Michel nahm die-se Phase zum Anlass, Freunde und Bekannte einzuladen. Unter anderem auch uns. Michel stammt aus Brüssel. So erklärt sich auch die Dichte der hier versammelten Brüsseler Bourgeoisie: Zahnärzte, Architekten, Ton-ingenieure, Selbstständige – alle im jungen, mittleren Alter und alle sehr nett. Kein Angebergehabe. Man setzt sich nach dem Essen spontan zuein-ander und kommt schnell über die Kinder ins Gespräch. Jacques Brel würde sich schon sehr wundern über seine einst so gehasste Bourgeoisie. Sie ist wohl auch nicht mehr das, was sie mal war. Aber Brel ist schon lange tot und Florian kann das auch egal sein. Er spielt mit den anderen Kindern: mal ein Schlag mit der Schaufel ins Gesicht, dann ein Küsschen. Pack schlägt sich, Pack verträgt sich. Und wir können richtig ausspannen.

Abseits des Hotels sind wir oft am schönen Strand von Essaouira spazieren gegangen oder waren in der Medina und im Hafen unterwegs. Die Zeit ist hier schnell vergangen, der Abschied fällt uns und Florian nicht leicht. Viele Leute hier hat er sehr gemocht: die Zimmermädchen, die ihn jeden Morgen küssten, die Kellner, die stets einen Scherz mit ihm machten, und besonders das Küchenpersonal, das so manche Extrawurst für ihn braten musste. Ob er sich diese Eindrücke wird behalten können? Wie geplant fuhren wir nun etappenweise über Marrakesch und auf der eindrucksvollen Straße der 1000 Kasbahs bis in die Wüste und wieder zurück nach Marrakesch. In der Regel sind wir erst mittags aufgebrochen und bis sechzehn Uhr gefahren. Genau in dieser Zeit hält Florian seinen ausgedehnten Mittagsschlaf.

die Kellner, die stets einen Scherz mit ihm machten, und das
Küchenpersonal, das so manche Extrawurst für ihn braten
musste. Ob er sich diese Eindrücke wird behalten können?“

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Das Meer hat sich zurückgezogen.Nun lässt es sich wunderbar am Strand laufen, stets knöcheltief im Wasser.

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Mein Hotel. Mein Pool. Mein Baby. Eigentlich ist Agadir doch gar kein Pflaster für Angeber. Oder doch?

„Die Zeit ist hier schnell vergangen. der Abschied fällt uns
und Florian nicht leicht. Viele Leute hier hat er sehr gemocht:
Die Zimmermädchen, die ihn jeden Morgen küssten,

rachids_traum01Auf diese Weise konnten wir entspannt – je nach Region und Straße – etwa 300 Kilometer am Tag zurücklegen. Ein Rhythmus, der sich gut bewährt hat, denn so hatten wir an den Vormittagen und späten Nachmittagen stets viel Zeit für uns drei. Auf der Reise durch den Süden hat uns das Fahren viel Spaß gemacht. Der Verkehr in Marokko ist nämlich längst nicht so gefährlich wie bei uns. Drängler und Raser haben wir nie erlebt. Das liegt zum einen wohl daran, dass die Verkehrsdichte außerhalb der Städte auf den Nationalstraßen und Autobahnen überhaupt nicht mit der unseren zu vergleichen ist. Vielleicht auch am Respekt vor den unzähligen mobilen Radarfallen. Aus diesem Grund konnten wir entspannt unterwegs sein, was der Stimmung im Auto sehr zugute kam. Auf der berühmten Straße der 1000 Kasbahs zwischen Ouarzazate und Errachidia hat sich inzwischen eine sehr gute touristische Infrastruktur entwickelt. Es gibt auf dieser Strecke Hotels und Pensionen aller Kategorien: von einfach bis luxuriös. Wir sind unterwegs immer fündig geworden und wurden nie enttäuscht. Am Ende der ersten Januarwoche erreichen wir schließlich erneut Marrakesch. Ganz bewusst wollten wir dort den Silvesterabend nicht verbringen. Marrakesch ist um den Jahreswechsel zweifelsohne ein spannender Ort zum Entdecken und Feiern. Aber eben deshalb herrscht dann ja auch dort Hochsaison. Den damit verbundenen Trubel wollten wir dies-mal nicht. Wenn die Winterferien vorüber sind, kehrt auch in Marrakesch etwas Ruhe ein, sofern man bei der wohl exotischsten Stadt der Welt überhaupt davon sprechen kann. 

Wir beziehen ein Riad in der Medina. Es hat nur wenige Zimmer und typischerweise einen schönen Innenhof und eine Dachterrasse mit einem atemberaubenden Blick über die Dächer von Marrakesch. Florian krabbelt wie gewohnt sofort auf Entdeckungstour. Er fühlt sich wohl hier. Aber das muss nichts heißen: Er hat sich auf dieser Reise bislang überall wohlgefühlt. Tagsüber sind wir in Marrakesch viel mit ihm auf Achse: Wir besuchen die Souks, die Gärten, die Cafés in der Neustadt und machen eine Fahrt mit der Pferdekutsche. Er genießt die Abwechslung, aber auch die Aufmerksamkeit, die ihm die freundlichen und warmherzigen Menschen schenken.
Abends essen wir stets im Riad. Nicht nur das Essen ist hervorragend, auch die Atmosphäre ist einzigartig: Der schön gedeckte Tisch inmitten des Patios, das Feuer im Kamin des zum Innenhof geöffneten Salons, der offene Himmel über uns – all das registriert Florian durchaus. Manchmal gewinnt man den Eindruck, er fühle sich wie ein kleiner Prinz. Jedenfalls wird er hier von allen so behandelt. Das Personal hat ihn längst ins Herz geschlossen. Die liebe Köchin bereitet ihm mal ein frisches Süppchen, mal ein Püree zu. Unsere Reserve an Beikostnahrung hat sich hingegen nur wenig gelichtet. Was soll’s! Dann nehmen wir sie eben mit nach Agadir, unserer letzten Station. Nur: Ob wir die da brauchen?


Info: Reisen mit Kindern in Marokko

FLUG
Ein Direktflug ist von Deutschland nach Marokko etwa 3 bis 4 Stunden unterwegs. Das ist problemlos mit Kleinkindern machbar. Flugverbindungen, die ein Umsteigen erforderlich machen, sollte man Kleinkindern nicht zumuten.

UNTERKÜNFTE
Die großen Hotels verfügen über eine gute Infrastruktur für Kinder. Hotels und Riads verfügen in der Regel über Kinderbetten. Familien, die in einem Riad wohnen möchten, sollten darauf achten, dass die Zimmer nicht zu klein sind.

GESUNDHEIT
Kleinkinder müssen gegen Sonneneinstrahlung geschützt sein. Für die Milch- oder Breizubereitung sollte man Mineralwasser verwenden. Durchfallerkrankungen lassen sich so vorbeugen. Das marokkanische Mineralwasser ist überall erhältlich. Notfall Ist ein Arzt vonnöten, kann sehr schnell und unkompliziert geholfen werden. Hotels und Riads verfügen meist über Adressen von Ärzten, mit denen sie zusammenarbeiten. Nach dem Anruf kommt der Arzt in der Regel in kürzester Zeit ins Haus. Eine Konsultation kostet etwa 50 Euro. Der Betrag muss bar bezahlt werden. In den größeren Städten gibt es Notdienst-Apotheken, die nachts geöffnet haben.

WINDELN UND BEIKOSTNAHRUNG
Wegwerfwindeln findet man in jeder Medina und an jedem Kiosk. Beikostnahrung und Hygieneartikel für Babys hingegen sind nur in den großen Supermärkten wie Marjane, Carrefour oder Acima erhältlich. Diese großen, gut sortierten Supermärkte gibt es in allen größeren Städten. Die Beikostnahrung kostet etwa dasselbe wie bei uns.

REISEN IM LAND

Wer sich unterwegs Zeit nimmt, vermeidet Stresssituationen. Je stressfreier der Ablauf, desto entspannter sind die Kinder. Wichtig sind stets geregelte Abläufe: schlafen, essen, reisen – am besten immer zur gleichen Uhrzeit. Wechselnde Orte hingegen sind für Kleinkinder kein Problem. Der emotionale Fixpunkt ist durch die permanente Nähe der Eltern ohnehin gegeben. Keine langen Autofahrten und sehr oft Pause machen!

UNSER FAZIT
„Wir haben aus Marokko sehr vielfältige, wunderschöne Eindrücke mitgenommen. Es ist ein enorm vielfältiges Land, in dem wir uns stets wohl, willkommen und sicher gefühlt haben. Auch die Befürchtung, dass unsere Kinder mal krank werden könnten oder das Essen nicht vertragen würden, hat sich nicht bestätigt. Wir werden bestimmt wieder hinfahren – es gibt für uns in Marokko noch sehr viel zu entdecken!“

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