WEINLAND MAROKKO

WEINLAND MAROKKO

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Weinland Marokko
Charles Melia – der Abenteurer

Charles Melia hatte das Paradies auf Erden. Er war Besitzer eines Weingutes im weltberühmten Châteauneuf-du-Pape. Doch dann ließ er sich auf ein spektakuläres Abenteuer ein. Der leidenschaftliche Winzer zog aus, um in Marokko ein neues Weingut aufzubauen. Dabei musste er wieder ganz von vorn anfangen. KASBAH hat mit Charles Melia über das waghalsige Projekt gesprochen.

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Herr Melia, wie kamen Sie auf die Idee, Wein in einem muslimischen Land wie Marokko zu produzieren?
Der religiöse Aspekt hat für meine Entscheidung keine Rolle gespielt, vielmehr suchte ich nach einer entspannten Beschäftigung im Ruhestand. Marokko lag für mich nahe, denn ich bin hier aufgewachsen. Ich bin zwar in Frankreich geboren und habe in Châteauneuf-du-Pape ein Weingut, aber studiert habe ich in Marokko. Ich spreche auch fließend Arabisch. Außerdem ist Marokko nicht weit weg von Frankreich. Marseille ist ja nur 2,5 Flugstunden von Marrakesch entfernt. Das ermöglichte mir die Arbeit auf meinem Weingut in Châteauneuf-du-Pape und zeitgleich das Aufbauen des neuen Weinguts in Marokko. Ich habe mich zehn Jahre lang gleichzeitig um beide Weingüter gekümmert, aber dieses Weingut wurde immer arbeitsintensiver. Management und Verwaltung verlangten, dass ich das hier Vollzeit mache. Ich habe hier ein Fass aufgemacht. Von Ruhestand kann keine Rede sein. Mittlerweile bin ich seit 10 Jahren ausschließlich in Marokko. Meine älteste Tochter hat mittlerweile den Betrieb in Châteauneuf-du-Pape übernommen, so wie es bei uns in der Familie Tradition ist.

Warum sind Sie ausgerechnet nach Essaouira gegangen? Die Stadt ist bekannt für Strand, Surfen, Arganöl – aber Wein?
Mit meiner Erfahrung aus Châteauneuf-du-Pape wollte ich ein Weingut in einem Gebiet aufbauen, in dem es vorher noch keinen Weinanbau gab. Meknes, El Jadida oder Ben Slimane kamen somit nicht in Frage. Außerdem hätten mich die großen Winzer dort sofort geschluckt. Ich suchte einen Ort zwischen Safi im Norden, Marrakesch im Osten und Agadir im Süden. Das war die Region um Essaouira. Da es hier sehr windig ist, fühlte ich mich sofort an das Rhônetal und den Mistral erinnert. Nachdem ich den Boden habe untersuchen lassen, stellte sich heraus, dass man Reben pflanzen kann. Ein privater Besitzer verpachtete mir für 99 Jahre ein Grundstück mit 30 Hektar. Damals haben sich viele ausländische Investoren für diese Region interessiert. Aber bis heute bin ich der einzige Winzer hier. Dabei ist der Boden gut: Kalkstein, fruchtbarer Lehmboden; bestens geeignet für anspruchsvollen Weinanbau. Wir haben hier anfangs sieben Hektar bepflanzt. Heute sind es 45 Hektar und ich plane, nächstes Jahr fünf weitere Hektar zu bepflanzen.

Konnten Sie auf vorhandene Strukturen zurückgreifen?
Nein. Und das wollte ich auch gar nicht! Ich wollte bei Null anfangen, ein Grundstück ohne eine einzige Rebe. Es gab Olivenbäume. Die habe ich behalten. Mit fünf, sechs Rebsorten aus dem Rhônetal fing ich an, das Terrain zu bepflanzen. Ich hatte absolut keine Ahnung, ob das gelingen würde. Denn ich war ja der Einzige in dieser Gegend und hatte keinen Vergleich, keine Referenz. Die Aufbauphase stellte uns vor so manches großes Problem.

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Zum Beispiel?
Wir sind in einem Wüstenrandgebiet und haben ein sehr schwieriges Klima. Glücklicherweise verfügen wir über ausreichend Wasser – sonst würde natürlich nichts wachsen. Ich musste lernen, wie man mit der Rebe bei großer Hitze umgeht. Ob man sie kurz oder lang schneidet, ob man sie im Spalier anbaut oder dicht über dem Boden – all dies hat Auswirkungen. Anfangs habe ich die Reben so geschnitten, dass sie in die Höhe wuchsen. Heute schneide ich sie sehr kurz, sodass sie in Form von kleinen Büschen wachsen. Das schützt die Trauben vor der Hitze. Auch der Bau des Weinkellers war nicht einfach. So dachte ich immer, dass Edelstahltanks gut geeignet wären. Aber wegen der großen Hitze wäre die Temperaturregulierung schwierig geworden. Schließlich habe ich die Anlage so aufgebaut, wie man das bei uns in Châteauneuf-du-Pape macht: eine Kelterei mit dicken Mauern und Tanks aus Beton. Der hat nämlich hervorragende Isolierungseigenschaften. Hinzu kam noch ein Kühlaggregat. Die komplette Ausstattung habe ich dann aus meiner Region kommen lassen: Presse, Abbeermaschine, Pumpen für die Weinlese, Rohrleitungen, Kühlschlangen und Türen aus Edelstahl, Abfüllmaschine sowie eine Maschine zum Beschriften und Gabelstapler.

Wie unterscheidet sich der Weinbau in Essaouira von dem in Châteauneuf-du-Pape?
Wie bereits angesprochen, ist das große Problem hier die Hitze. Anfangs habe ich aus Mangel an Erfahrung oft Ernten verloren. Ich habe sogar einmal einen Wein aus verbrannten Trauben produziert, den ich „Graine de Canicule“ („Schlingel der Gluthitze“, Anm. d. Red.) genannt habe. In Frankreich können Gewitter und Feuchtigkeit Trauben verfaulen lassen. Hier kann man binnen zwei Stunden einen Großteil der Ernte aufgrund der Hitze verlieren. Zudem sind wir biozertifiziert und müssen europäischen Richtlinien folgen: keine Pestizide, keine chemischen Düngemittel, keine synthetischen Produkte. So nutze ich zum Beispiel Sorghum, ein hochwachsendes, afrikanisches Getreide. Ich pflanze es als einen Zaun um die Reben, um sie vor Hitze und Wind zu schützen. Die Blätter bleiben im Sommer kühl und schwitzen durch Wärme und Bewässerung. So stehen meine Trauben im Schatten und werden gleichzeitig gekühlt: es entsteht gewissermaßen ein Mikroklima. Trauben, die dennoch der Sonne ausgesetzt sind, schützen wir mit kleinen Mulchen aus Eukalyptus-, Oliven- und Mimosenzweigen sowie Quecke. Das ist zwar viel Arbeit und beschäftigt uns mindestens sechs Wochen lang vor der Ernte. Aber dank dieses Systems verbrennen unsere Trauben nicht mehr. Ich habe mich also erfolgreich an die Umgebung angepasst. Da ich Biolandwirtschaft betreibe und mir der Umweltschutz wichtig ist, wollte ich außerdem so wenig moderne Technik wie möglich einsetzen. Deswegen arbeite ich mit einem Dromedar. Es heißt Goliath. Wir pflügen mit ihm entlang der Rebstöcke, um Unkraut zu bekämpfen, das durch die Bewässerung entsteht. Das funktioniert sehr gut. Ich überlege, ihm eine Kamelstute zu kaufen, um viele kleine „Winzer-Kamele“ zu bekommen.

Wie haben Ihre Nachbarn reagiert, als sie gesehen haben, dass Sie Wein anbauen wollen?
Die Bauern hier sind diskret und zurückhaltend. Sie haben höflich und distanziert beobachtet, was ich tat. Heute, nach 20 Jahren, bin ich gut integriert. Aber es war nicht immer einfach. Die Behörden hatten zuerst Angst, dass ich Alkohol auf der Straße verkaufe. Dadurch hat sich vieles verzögert. Als die Formalitäten geklärt waren, hatte ich kaum noch Probleme – letztendlich wird in Marokko bereits Wein produziert. Natürlich hat mir auch geholfen, dass ich fließend Arabisch spreche.

Sie waren Winzer in Châteauneuf-du-Pape. In dieser Region werden schwere, dichte Weine produziert. Sind Ihre Weine das marokkanische Pendant zu diesen großen Weinen aus Südfrankreich?
Ich habe mich etwas von den Regeln, die für Châteauneuf-du-Pape-Weine gelten, entfernt. Dort produzieren wir nur einen Rot- und einen Weißwein – nach strengen Auflagen, die durch ein Dekret von 1937 definiert werden. Tatsächlich habe ich hier mit Trauben aus Châteauneuf-du-Pape angefangen. Für meine Rotweine waren das Grenache, Syrah und Mourvèdre. Heute pflanze ich auch andere Trauben aus dem Mittelmeerraum an: Marselan, eine Neuzüchtung aus den Sorten Cabernet Sauvignon und Grenache Noir, sowie die Nellucio, eine italienische Rebsorte, die zur Produktion des Sangiovese dient. Für das Aroma pflanze ich schwarzen Muscat. Die Produktion der Weißweine habe ich ebenfalls mit Rebsorten aus dem Rhônetal angefangen: Clairettes, Roussannes, Grenache Blanc. Heute benutze ich auch Viognier, Muscat de Beaume-de-Venise und ein bisschen Trebbiano für die Säure. Das ist unser Sortenbestand für Rot- und Weißweine. Es sind zwölf oder 13 Rebsorten, übrigens genau wie für den Châteauneuf-du-Pape. Da es aber auch eine starke Nachfrage nach sortenreinen Weinen gibt, habe ich den Val d’Argan kreiert, der zu 90 % aus Roussanne-Trauben besteht.

In Frankreich gibt es viele Weingüter, die Konkurrenz ist enorm. Wie ist der Wettbewerb in Marokko?
Ich würde sagen, dass die Konkurrenz genau so stark ist. Ich habe mich hier von Anfang an diesem Wettbewerb gestellt. Les Celliers de Meknès zum Beispiel ist der größte und älteste marokkanische Weinproduzent. Natürlich können wir preislich da nicht mithalten, weil wir nicht so effizient produzieren können, wie die großen Produzenten. Les Celliers de Meknès produziert 40 Millionen Flaschen. Wir füllen nicht mal 200 000 Flaschen ab. Meine Kunden sind deshalb hauptsächlich Hotels und Restaurants. Bei denen dienen meine Weine oft als Referenz. Kunden kommen zu mir, weil ich eben Wein aus Trauben der Rhôneregion anbieten kann. Da bin ich der einzige in Marokko. Zum Beispiel habe ich vor kurzem einen Cuvée de Viognier herausgebracht, den das Prestige-Hotel La Mamounia bei mir bestellt hat. Dieser Wein wird extra für dieses Hotel hergestellt. Dennoch begegnen wir den großen Produzenten mit unseren Weinen durchaus auf Augenhöhe, da wir mehrere Weine mit einem sehr guten Preis-Leistungsverhältnis in vier Qualitätsstufen anbieten: einen Einstiegswein, den Gazelle de Mogador als Weiß-, Rot- und Roséwein; einen Mittelklassewein, den El Mogador in Weiß, Rot, Rosé und Grau; einen Grande Cuvée, den Val d’Argan in Weiß und Rot sowie einen Cuvée Prestige, den Orian als Rot- sowie Weißwein. Auf diese Weise spreche ich viele Kunden an. Der Gazelle de Mogador und der El Mogador sind beispielsweise Trendweine, die jedem gefallen sollten: leicht und fruchtig, einfach gut zu trinken, perfekt für den täglichen Verbrauch. Sie tragen übrigens den früheren Namen von Essaouira. Mit dem Val d’Argan und dem Orian nähern wir uns mehr der Rhônetradition. Diese Charakterweine gefallen mir – und inzwischen auch vielen anderen hier. Sie sind für besondere Anlässe hervorragend geeignet. Mein bester Wein ist sicherlich der weiße Orian de Val d’Argan. Seine Trauben werden etwas später geerntet, Das Ergebnis ist ein trockener Wein mit Restsüße, also einem süßen, likörartigen Geschmack, kräftigen Aromen und einem langen Abgang. Mein per-sönlicher Favorit! Ein echter Luxuswein, der in Marokko einzigartig ist. Aber viel Geld verdiene ich damit nicht.

Hat der marokkanische Wein eine Chance auf dem internationalen Markt? Oder bleibt er eine regionale Besonderheit?
Früher dienten marokkanische Weine meist nur als „vins médecins“ (= französischen Weinen beigemischt; Anm. der Red.). Heute sind sie qualitativ durchaus konkurrenzfähig. Marokkanische Weine werden bereits exportiert (die Weine von Les Celliers de Meknès, La Ferme Rouge und Thalvin werden exportiert; Anm. d. Red.), aber Marokko ist derzeit international noch kein bedeutender Produzent. Natürlich spielt auf den internationalen Märkten gerade der Preis eine große Rolle. Ich habe einen hohen Selbstkostenpreis, für mich wäre das schwierig. Große Weingüter könnten es schaffen, sich durchzusetzen. Insgesamt glaube ich, dass sich der marokkanische Wein nicht hinter den Weinen der „Neuen Welt“ zu verstecken braucht. Man könnte sagen, dass Marokko die neue Neue Welt des Weines ist.

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