Aufbruch I Gesellschaft

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DAS TUNNELPROJEKT ZWISCHEN MARRAKESCH UND OUARZAZATE
Mit Vollgas ins Land der Kasbahs?

Jeder, der von Marrakesch auf die andere Seite des Berges in die Vorwüstenstadt Ouarzazate fahren will, muss über den Tizi n’Tichka. Um den „gefährlichen Pass“ zu umgehen, plant der Staat ein spektakuläres Projekt: Einen Tunnel unter dem Bergmassiv des Hohen Atlas. Die Realisierung wäre vergleichbar mit dem Bau des Mont-Blanc-Tunnels.

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Text: Sven Kämmerer 

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Wie eine unüberwindbare Barriere teilt der Hohe Atlas das Land. Im Norden die fruchtbaren Hochebenen und Täler, in denen fast alles gedeihen kann, so zum Beispiel erlesene Trauben, die zu hervorragenden Weinen verarbeitet werden. Auf der anderen, der südlichen Seite des Hohen Atlas, beginnt der aride, aber auch landschaftlich spektakulärere Teil Marokkos. Hier befinden sich mit dem Toubkal (4.200 Meter) die höchsten Berge und die tiefsten Schluchten (Todra- und Dadesschlucht) Nordafrikas. Dies ist das Land der Nomaden, der Kasbahs (Lehmburgen), der Stein- und Sandwüsten. Für den Automobilverkehr ist dieser Bergzug, der sich nördlich von Agadir erhebt und sich über das ganze Land bis hin zum äußersten Osten erstreckt, nur an wenigen Stellen passierbar.

Eines dieser Nadelöhre ist der berühmt-berüchtigte Pass Tizi n’Tichka auf 2.260 Metern Höhe. Daran führt kein Weg vorbei. Entsprechend rege ist der Verkehr. Schwer beladene LKW, voll besetzte Kleinwagen, Überlandbusse und uralte Mercedes-Limousinen, sogenannte Grand Taxi, quälen sich die schier unzählbaren Serpentinen auf den Pass hinauf und wieder hinunter. Von Marrakesch aus kommend, beginnt der Anstieg auf den Pass nach etwa 40 Kilometern, zunächst in weiten Schleifen, dann in immer engeren Kurven. Auf den letzten 20 Kilometern vor dem Pass beginnen dann die Spitzkehren. Der Anstieg wird steil. Immer öfter muss in den ersten Gang geschaltet werden. Die Temperatur kühlt sich merklich ab. Die Windböen werden stärker. Wer möchte hier mit einer Panne liegenbleiben? Wohl dem, der ein intaktes und neues Auto hat! Der weitaus größte Teil der Fahrzeuge, die hier unterwegs sind, hat jedoch eher Museumswert, womit die marokkanischen Autobesitzer allerdings kein Problem haben. Irgendwie kommen sie immer ans Ziel. Und schwere Unfälle sieht man auf dieser schwierigen und dicht befahrenen Straße dennoch selten. Im Großen und Ganzen hat die N9 einen guten Ruf. Immerhin ist sie asphaltiert. Das war nicht immer so. Der Verbindungsweg über den Hohen Atlas zwischen den Metropolen Ouarzazate und Marrakesch existiert seit Jahrhunderten. Es war der wichtigste Handelsweg für die aus Nord und Süd kommenden Karawanen. Später wurde die uralte Handelsstraße zur Piste ausgebaut. Der marokkanische Staat ließ dann im Zuge der Landesentwicklung alle Verbindungsstraßen as-phaltieren, unter anderem die Nationalstraße 9 über den Tizi n’Tichka. Heute ist sie die kürzeste und schnellste Route zwischen der Region Marrakesch im Norden und der großen Souss-Draa-Ebene im Süden des Landes. Die Fahr-zeit beträgt etwa vier bis fünf Stunden – im Frühling und Sommer.

Im Herbst und Winter – und das ist das Problem – sieht die Lage rund um den Tizi n’Tichka schon ganz anders aus: Wenn im September die große Hitze der marokkanischen Regenzeit weicht, die mitunter auch mit starken Unwettern verbunden sein kann, ist der Pass aufgrund heftiger Überschwemmungen, hervorgerufen durch extreme Regenfälle, oft gesperrt. Für Ouarzazate, das von Marrakesch aus über den Pass versorgt wird, und besonders für die etwas isolierten Provinzen Zagora, Tineghir und Tata stellt das ein wirtschaftliches Problem dar. Lebensmittellieferungen und andere Versorgungen erfolgen ausschließlich über die N9. Im letzten Jahr hat Ouarzazate die schwersten Regenfälle der letzten 50 Jahre erlebt. 340 Millimeter Regen fielen in nur wenigen Tagen. Die durchschnittlichen Niederschläge für Ouarzazate betragen normalerweise lediglich zwölf Millimeter – für das ganze Jahr! Von Ende November bis Mitte März muss der Pass wegen lang anhaltender Schneefälle immer mal wieder gesperrt werden, davon zeugen auch die zahlreichen Schranken in der Nähe des Passes mit der Aufschrift „Barriere de neige“. Ist der Schneefall zu heftig, wird zugemacht. Bei Temperaturen um den Gefrierpunkt wäre das Passieren des Tizi n’Tichka zu gefährlich.

Tizi n’Tichka ist übrigens ein Berber-Wort: Tizi bedeutet soviel wie „Berg“, und Tichka heißt – man ahnt es – „gefährlich“. Um den „gefährlichen Pass“ zu umgehen, plant der Staat ein spektakuläres Projekt: Einen Tunnel unter dem Bergmassiv des Hohen Atlas. Der Tunnel soll eine Länge von etwa zehn Kilometern haben und so eine ständige Verbindung der Zentren Marrakesch und Ouarzazate ermöglichen. Derzeit werden Machbarkeitsstudien durchgeführt. Der Tunnel könnte am Ende des Ourika-Tals in Setti-Fatma beginnen und auf der anderen Seite des Berges in Agouim enden. Für die Entwicklung der südlichen Provinzen wäre dieser Tunnel von großer Bedeutung. Die Fahrtzeit von Marrakesch nach Ouarzazate würde sich halbieren.

Ob der Tunnel tatsächlich gebaut wird, ist derzeit noch völlig offen. Die Kosten für einen zweispurigen Einröhren-tunnel wurden auf etwa 2,8 Milliarden Dirham (270 Millionen Euro) geschätzt. Hinzu kommen komplexe geologische Probleme. Noch ist das gigantische Tunnelprojekt nicht mehr als eine spektakuläre Vision. Wer also in den nächsten Jahren mit dem Auto das Land der Kasbahs bereisen möchte, muss vorerst noch über den Tizi n’Tichka – so, wie es die Berbernomaden schon seit Jahrhunderten tun. Dem komfortverwöhnten Reisenden bleibt allerdings ein schöner Trost: Der marokkanische Staat hat im letzten Jahr begonnen, die engen Spitzkehren großzügig auszubauen. Und wer weiß: Bevor der Tunnel kommt, hat der Tizi n’Tichka, der „gefährliche Pass“, längst seinen Schrecken verloren und bereits einen anderen Namen.

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