STRANDBAD I

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JIMIS ENKEL

Essaouira ist von jeher ein Paradies für Kreative, Aussteiger und Lebenskünstler. Legendäre Musiker wie Jimi Hendrix, Bob Marley, Jim Morrison und die Rolling Stones ließen sich vom einzigartigen Flair inspirieren. Diese Zeiten sind lange vorbei. Heute geben in Essaouira Surfer den Ton an. Einblicke in eine sonst geschlossene Gesellschaft.

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Text: Sven Kämmerer / Fotos: Klaus Kopelkert 

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Rachid ist voll in seinem Element. Konzentriert spricht er laut und deutlich zu seinen vor ihm knienden Schülern, die wie Jünger an den Lippen ihres Meis-ters kleben. „Achtet auf eure Balance!“, sagt er auf englisch. Und weiter: „Lächelt beim Aufstehen!“ Die Szene ereignet sich am Strand von Essaouira, kurz vor Sonnenuntergang. Sie hat etwas Magisches, fast schon Sakrales an sich. Man hat den Eindruck, als gäbe es für diese Gruppe, es sind Surfanfänger, in diesem Moment nichts Wichtigeres auf der Welt. Die Lektion dauert 45 Minuten. Sie ist Teil eines Einstiegskurses ins Wellenreiten. Jeder Schüler hat ein Board dabei und einen Neoprenanzug an. Die erste Unterrichtsstunde findet noch nicht im Wasser, sondern am Strand statt. „Trockenübungen sind die beste Vorbereitung, so können sie alle Bewegungen und Griffe in Ruhe und langsam kennenlernen“, meint Rachid. Im Sand erklärt er präzise, wie sich seine Schüler auf das Board legen und wie sie den richtigen Moment abpassen sollten, um die perfekte Welle zu erwischen. Und vor allem: Wie sie es schaffen, auf dem Board aufzustehen. Das ist gar nicht so einfach, vor allem, wenn man dabei noch lächeln soll. „Smile!“, ruft Rachid immer wieder. Positives Feeling ist angesagt. Oder „good vibrations“, wie es einst die Hippies nannten, die genau diesen Strand vor 40 Jahren unsicher machten. „Es ist anfangs nicht einfach, eine gute Balance zu finden“, doziert Rachid, „gut gelaunt geht es besser. Die zweite Stunde findet im Wasser statt. Dann gilt es nur noch, möglichst lange auf dem Brett zu bleiben.“

Essaouira gilt in der Szene als perfekter Ort, um Surfen zu lernen: Es gibt keine Haie, keine Felsen, das Surfen ist völlig ungefährlich. Wind und Wellen sind konstant, weder zu stark noch zu hoch. Eine kleine, vor der Küste liegende Insel fängt die richtig großen Wellen vom offenen Meer etwas ab. In Strandnähe sind die Wellen etwa zwei bis zweieinhalb Meter hoch. Hervorragende Bedingungen zum Lernen also.

ESSAOUIRA GILT ALS PERFEKTER ORT, UM DAS SURFEN ZU ERLERNEN: ES GIBT WEDER FELSEN NOCH HAIE.

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Essaouiras Medina ist von einer schweren Festungsmauer, der Squala, umgeben. Von dort gelangt man direkt in die Altstadt, außerdem bietet sich ein wunderschöner Blick über den Hafen und den Atlantik bis hin zu den Purpurinseln

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Mit Surfbrett und Neoprenanzug ausgestattet, laufen die Surfschüler zum Strand. Gleich beginnt die erste Stunde

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Dabei zieht es keineswegs nur Anfänger nach Essaouira. Julia und Johannes beispielsweise, beide Anfang zwanzig und aus Tirol, „wollten zwei Wochen lang in den Sommerferien einen richtigen Kite-Surf-Urlaub machen“, wie Julia erzählt. „Ich habe erst heuer im April angefangen zu kiten, am Neusiedlersee in Österreich. Da wir immer schon mal nach Marokko wollten, fiel die Entscheidung schnell auf Essaouira. “Das frühere Korsarennest ist heute gewissermaßen der coole Kontrapunkt zum hektischen und gehypten Marrakesch und zieht Surfer und Künstler aus aller Welt magisch an. Essaouira hat eben eine ganz besondere Ausstrahlung: Die Stadt mit der mächtigen Festungsanlage und dem malerischen Fischereihafen liegt auf einer kleinen Halbinsel. Die weite Bucht, der schöne Sandstrand und der reizvolle, zentrale Platz Moulay el Hassan mit etlichen Cafés und Restaurants machen Essaouira zu einem der schönsten Orte Marokkos. Ende der 1960er-Jahre avancierte Essaouira zum Zentrum für Hippies. Die wilden Zeiten der Beatnik-Generation sind längst vergessen. Heute geben in Essaouira coole Surfer den Ton an. Julia und Johannes wohnten in einem Riad direkt in der Medina, mit anderen Surfern. Gemeinsames Frühstücken, danach zum Strand und schließlich zum Surfunterricht. Nach der Mittagspause ist Chillen angesagt. Am Nachmittag beginnt die zweite Unterrichtssession des Tages. „Abends haben wir zusammen etwas unternommen, auch mit Rachid“, sagt Julia. „Wir sind in der Medina essen gegangen oder haben den Abend auf der Dachterrasse ausklingen lassen. In dieser Zeit sind richtige Freundschaften entstanden. “Zu diesem Kreis der Wahlverwandtschaften zählt auch Carlo, 29, ein Arzt aus Aachen. „Ich wollte an einen Surf-Spot, an dem ich mit An- und Abreise nicht so viel Zeit verliere.“ Seine Wahl fiel auf Essaouira, wo er einen Kite-Surf-Kurs belegte. „Ich brauchte etwa 15-20 Unterrichtsstunden, bis ich auf dem Brett stehen und surfen konnte.

KONZENTRIERT SPRICHT RACHID ZU SEINEN SCHÜLERN, DIE WIE JÜNGER AN SEINEN LIPPEN KLEBEN.

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Nirgendwo in Marokko befindet sich eine solche Dichte an Künstlerwerkstätten, Ateliers und Galerien wie hier


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Zuerst lernen die Surfschüler mit Trockenübungen, wie sie sich auf dem Surfbrett aufstellen

DIE ENORME BEGEISTERUNG DER SCHÜLER IST VOR ALLEM DER VERDIENST DES SURFLEHRERS RACHID. 

In Essaouira geht ständig ein kräftiger Wind, das macht es leichter, auch wenn man als Anfänger öfter mal ins Wasser fällt“, berichtet Carlo, der auch auf die aufwendige Sportausrüstung hinweist: „Man zieht sich seinen Neoprenanzug an und eine Aufprallweste zum Schutz. Darüber kommt das sogenannte Trapez, vergleichbar mit einem Klettergurt, in den später der „Kite“, also der Drachen, eingeklinkt wird. Mit Brett und Drachen geht es auf zum Strand. Man nimmt den Kite, bringt ihn im knietiefen Wasser in eine stabile Position, setzt die Füße auf das Brett und lenkt dann den Kite soweit ein, dass er Kraft hat und einen aus dem Wasser zieht. Nach einer Woche hat man richtig viel gelernt, ein riesiger Erfahrungszugewinn.“

Die Begeisterung der Schüler ist das Verdienst von Rachid. Er ist 30 Jahre alt, sehr sympathisch und – wie alle Surfer – sehr entspannt, sofern er gerade keinen Unterricht gibt. Rachid ist in Essaouira geboren und aufgewachsen. Nach der Schule ging es immer zum Strand. Eines Tages bekommt er von einem Freund ein Surfbrett in die Hand gedrückt: „Ich habe es ausprobiert und von Anfang an geliebt, ja – das wollte ich machen. So fing ich an – mit einem Surfbrett, das schwerer war als ich! Ich bin jeden Tag aufs Meer, bei jedem Wetter, wurde besser und besser. Dann konnte ich als Assistent an einer Surfschule arbeiten. Mittlerweile bin ich seit fünf Jahren Lehrer, ich liebe diesen Beruf! Es ist mir ein Herzensanliegen, dass meine Schüler von mir wirklich was lernen, schließlich bezahlen sie dafür.“

Auch Stephan, 31, ist dem Surfen verfallen. Der Bankangestellte aus Speyer hatte bereits in einem früheren Urlaub in Essaouira einen Fortgeschrittenen-Kurs gemacht. „Ich war meistens mit Julia und Carlo beim Surfen. Sie sind auf dem gleichen Niveau wie ich, so dass wir alle problemlos voneinander lernen konnten“, berichtet Stephan. Auch David, 26, und Victoria, 22, – beide kommen aus der Schweiz – sind in diesen Tagen ständig an der Surfschule anzutreffen

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Die unzähligen Gassen und kleinen Geschäfte sowie die Häuser mit ihren bunten Türen und Fenstern verleihen der Hafenstadt eine ganz besondere Leichtigkeit

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„Wir wollten an einem Ort Urlaub machen, der sommerlich, aber nicht zu heiß ist und wo man gut Kite-Surfen kann. Da fiel unsere Entscheidung auf Essaouira, gerade im Sommer ein optimaler Ort für Anfänger“, schwärmt David. Wenn Victoria, David, Stephan, Carlo, Julia und Johannes morgens zur Surfschule kommen, hat Rachid bereits lange vor Arbeitsbeginn die Ruhe am Strand genossen. „Zu dieser Zeit sind noch kaum Menschen da, du hörst und fühlst das Meer. Ich trinke dann einen Kaffee, höre Musik oder lausche nur dem Meer. Der Strand ist mein Zuhause, dort bin ich am liebsten“, sagt Rachid, „denn meine Stadt hat sich in den letzten Jahren sehr verändert.“ Tatsächlich renovierten private Hoteliers liebevoll alte Stadtpaläste und verwandelten sie in komfortable Gästehäuser. Die Strandpromenade ist gesäumt von Luxushotels, Apartmenthäusern und Strandcafés. Marrakesch ist über die neue, zweispurige Nationalstraße in weniger als zwei Stunden erreichbar. Die charmante Künstlerdestination verfügt über einen eigenen Flughafen und hat somit direkten Anschluss an die große weite Welt. Die Gefahr, dass Essaouira seinen Charme verlieren könnte, sieht er nicht. „Wir in Essaouira haben unsere ganz eigene Mentalität. Die Menschen hier sind entspannt. Wenn du mit jemandem reden willst, bist du immer willkommen. Wenn du deine Ruhe willst – OK! Keiner drängt dich zu irgendetwas. Wir leben in einer kleinen Stadt, wir teilen gerne, sei es unser Essen, alles! Wenn junge Leute aus Marrakesch oder Casablanca herkommen, sind sie fasziniert, finden schnell Freunde, sitzen am Strand, machen gemeinsam Musik. Manche verlieben sich und heiraten. In anderen Städten haben die Menschen ein Auto, ein Haus, sparen Geld. Hier haben wir diese Probleme nicht. Wir haben ein gutes Herz, eine positive Mentalität. Das ist für uns das Wichtigste. Geld, Autos, Häuser kannst du verlieren. Freunde verlierst du nie.“ Es gibt wohl doch noch Wichtigeres als Surfen – sogar in Essaouira.

“SMILE”, RUFT RACHID IMMER WIEDER. POSITIVES FEELING IST ANGESAGT, DAS MACHT ALLES LEICHTER

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In der Mittagspause essen die Surfschüler meistens gemeinsam im Restaurant gleich nebenan


Info: Essaouira

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EHEMALIGE MELLAH
Im ehemaligen jüdischen Viertel Essaouiras können historische Geschäfts- und Wohnhäuser besichtigt werden, in denen einst wohlhabende Mitglieder der jüdischen Gemeinde, zum Beispiel Juweliere, lebten. 

DER STRAND
Der sechs Kilometer lange Strand gilt als einer der schönsten Marokkos. Er lädt ein zu traumhaften Strandwanderungen, ob zu Fuß oder auf dem Rücken eines Kamels. Die Promenade ist gesäumt von Cafés und Restaurants. Im Frühjahr und im Herbst finden Surfer dank des Passatwindes ideale Bedingungen vor. Die Ausrüstung kann vor Ort geliehen werden.

HOLZWERKSTÄTTEN
Die Kunsttischler von Essaouira sind berühmt für ihre aufwendigen Intarsienarbeiten. Man findet sie im Kasbahviertel der Medina. Gefertigt werden Möbel, Skulpturen, Schatullen und Spiele aus Thujaholz, einem sehr dichten, wertvollen Hartholz. Es stammt vom duftenden Thujabaum, der in der Region zwischen Agadir und Essaouira wächst. Mit etwas Glück erhält man Zutritt zu einer Werkstatt und kann den Kunsttischlern bei der Arbeit zusehen.

MALERATELIERS UND GALERIEN
Essaouiras Maler sind mittlerweile auch in Europa bekannt. Ihre Bilder zeigen meist Naive Malerei. Die farbenfrohen, kontrastreichen und symbolträchtigen Werke sind beeinflusst von marokkanischen Mythen und Traditionen und mischen sich mit modernen Motiven. Die Bilder findet man in den zahlreichen Galerien der Stadt. 

GNAOUA-FESTIVAL
Seit 1998 lockt das Gnaoua-Musikfestival mit hochrangigen Künstlern Besucher aus aller Welt an. Die Gnaoua-Musik wird mit traditionellen Instrumenten gespielt und stammt ursprünglich aus Mali. Die rhythmusbetonte Musik kann über Stunden gespielt werden und sich bis zur Extase steigern. Sie hatte großen Einfluss auf Musiker wie Jimi Hendrix. Informationen unter www.festival-gnaoua.net

DIABAT
Jimi Hendrix weilte 1969 im sieben Kilometer entfernten Diabat. Hartnäckig hält sich das Gerücht, er habe dort „castles made of sand“ geschrieben. Ein Mythos. Denn das Werk mit dem Gitarrensolo wurde bereits zwei Jahre zuvor veröffentlicht. 

Rückblick Strandbad


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