MADE IN MAROKKO

MADE IN MAROKKO

rachids_traum00

STÖRE MEINE KREISE NICHT

Essaouira, bekannt für seinen breiten und langen Sandstrand und die ganz besondere, entspannte Atmosphäre, zählt zu den beliebtesten Urlaubsorten Marokkos. Mehr noch: Die meisten Reisenden verbinden die ehemalige portugiesische Hafenstadt mit einer eindrucksvollen Medina, mächtigen Festungsanlagen, einem malerischen Fischereihafen, Heerscharen von jungen und coolen Surfern und sogar mit Jimi Hendrix, der hier in den 60er-Jahren abgestiegen ist. Aber ein kleines Geheimnis hat sich die Stadt bewahren können: Im kleinen Industriegebiet am Rande der Medina befinden sich spezialisierte Tischlereien, die noch die hohe Dekorationskunst der Intarsie beherrschen. Wer sich zu den Werkstätten aufmacht, kann dort einzigartige Schmuckstücke entdecken und den Kunsthandwerkern bei der Arbeit zusehen. Klaus Kopelkert hat die Werkstatt von Brahim El Gaouzi besucht. Hier seine Reportage.

trennlinie

Text: Klaus Kopelkert

rachids_traum01

Kritisch begutachtet Brahim die neue Holzlieferung. „Was denkt ihr?“, fragt er Mohammed und Hassan, zwei seiner Mitarbeiter. Die Werkstatt hat gerade eine neue Lieferung Zitronenholz bekommen. Brahim ist Inhaber einer Tischlerei, hat sieben Handwerker angestellt. Gemeinsam haben sie sich auf die Herstellung von Möbeln spezialisiert, um genau zu sein: Möbeln aus Thujaholz. Brahim und seine Leute stellen eindrucksvolle, einzigartige Stücke her.

Jeder seiner Mitarbeiter beherrscht die hohe Kunst der Intarsie (intarsiare, ital. = einlegen, Anm. d. Red.). Bei dieser Dekorationstechnik werden Hölzer des Thujabaums, genau genommen dessen Wurzeln, und die des Zitrusbaums nach exakten Mustern so kombiniert und verleimt, bis daraus eine einheitliche, plane Oberfläche entsteht. „Sieht gut aus, die gelieferte Ware ist in Ordnung“, sagt Brahim und legt das Holzbrett zur Seite.

Seine Werkstatt befindet sich im Industriegebiet von Essaouira, wohin sich nur wenige Touristen verlaufen. „Wie weit bist du gerade?“, fragt Brahim seinen Mitarbeiter Ab-dullali, der momentan höchst konzentriert an seiner Tischplatte arbeitet. Abdullali antwortet nicht.

BRAHIM UND SEINE LEUTE PRODUZIEREN HOLZGEGENSTÄNDE IN VOLLENDETER SCHÖNHEIT

01

01

02

Brahim (kariertes Hemd) mit seinen Mitarbeitern Abdullali, Hassan und Mohammed

rachids_traum01

Er ist völlig versunken in seiner eigenen Welt – und das ist die der Dekorationskunst mit ihren Ornamenten, Mosaiken, Blumen und Herzchen sowie den komplexen geometrischen Formen. Brahim und seine Leute produzieren Holzgegenstände in vollendeter Schönheit: Es sind in perfekter Harmonie verzierte Objekte, deren Fertigung sehr viel Geschicklichkeit, Geduld, Fantasie, Präzision und Hingabe erfordert. Durch die spezielle Fertigungsweise avancieren diese Produkte – im Grunde sind es schnöde Gebrauchsgegenstände wie Schränkchen, Bettgestelle und kleine Kästen zur Aufbewahrung – zu Luxus- und Lifestyleobjekten. Abdullali hat immer noch nicht geantwortet, aber Brahim insistiert auch nicht. Das würde ohnehin sinnlos sein, zu sehr ist Abdullali damit beschäftigt, die unzähligen, nur wenige Zentimeter großen Ausbuchtungen mit dem Stechbeitel herauszumeißeln, um sie anschließend mit gerade mal miniaturgroßen Einlegeelementen aus Zitrusholz zu füllen. Abdullali fertigt momentan eine runde Tischplatte, deren Kern als Trägermaterial aus dem Holz der Thujawurzel besteht. Es gilt als sehr widerstandsfähig, dekorativ und ist hervorragend zu bearbeiten. Die Thuja ist ein immergrüner Baum mit dicht angeordneten Zweigen.

JEDER TISCHLER IN DIESER WERKSTATT BEHERRSCHT DIE HOHE KUNST DER INTARSIE


rachids_traum02

Hassan hat seinen Tisch bereits fertiggestellt. Nun ist Polieren angesagt

NACH DER POLITUR VERSPRÜHEN THUJAPRODUKTE EINE EINZIGARTIGE SCHÖNHEIT

rachids_traum01

In Marokko ist die Thuja in den Atlasbergen und den Regionen von Essaouira, Azemmour und Meknes beheimatet. Auch bei uns sind in manchen Gärten Thujabäume zu sehen. Die Thuja ist ein wenig vergleichbar mit der Zeder, deren Holz ebenfalls als sehr wertig gilt. Herausragend ist besonders die einzigartige, Oberflächenstruktur. Meist sind tiefdunkelrote Flächen von kleinen braunen Punktmustern und goldfarbenen Adern durchzogen. Verarbeitet versprühen Thujaprodukte eine einzigartige Schönheit, die allerdings erst nach dem Abschluss der kraftraubenden Politurphasen zur Geltung kommt. Thujaobjekte sehen oft luxuriös und richtig nobel aus. Nicht selten finden sie Verwendung in chicken Luxusautos, bedeutenden Trophäen sowie edlen Zigaretten- und Luxusschuhboxen.

„Stören wir besser seine Kreise nicht“, sagt Brahim zu mir, während ich weiter wie hypnotisiert auf das Werk von Abdullali starre. „Was wird er wohl als Nächstes tun?“, frage ich mich. Abdullali lässt sich Zeit. Er betrachtet seinen Tisch minutenlang. Nichts passiert. Er scheint völlig eins zu sein mit seinem Tisch. Plötzlich nimmt er Hammer und Meißel zur Hand und schlägt wie automatisiert vorgezeichnete Formen aus dem Trägerholz. Dann nimmt er ein Stück Zitrusholz, spaltet es so lange mit dem Stechbeitel, bis es millimetergenau in die zuvor ausgeschlagene Ausbuchtung passt. Dann wird es mit einem Holzkleber verleimt. Kleberückstände abputzen, weitermachen. Eine wirklich unfassbare Sisyphosarbeit.

Das Aufzeichnen der Motive, das zuvor er-folgt, nimmt noch mehr Zeit in Anspruch. Für einen Tisch wie jenen, den Abdullali gerade anfertigt, benötigt ein erfahrener Kunsthandwerker zwischen zehn und 15 Tagen. Abhängig von der Komplexität der Motive werden die Intarsienarbeiten noch einmal zehn Tage beanspruchen. Dabei kommen je-doch nicht nur Elemente aus Zitrusholz, sondern auch Muscheln (Meerohren, Anm. d. Red.) zum Einsatz. Wenn alle Elemente verklebt sind, muss das Objekt in Ruhe aus-trocknen. Danach wird es mehrfach geschliffen, lackiert und am Ende poliert. Aber bis es soweit ist, hat Abdullali noch ein gutes Stück Arbeit vor sich, was ihn aber nicht demotivieren wird. Er kennt sein Handwerk von Kind auf. Wie alle seine Kollegen hat er die Technik von einem Malem, einem Meister gelernt. Bei Brahim war es nicht anders: „Ich habe mit 16 angefangen, bei einem berühmten Malem. Anfangs habe ich kleine Kästchen gebaut. Nach und nach konnte ich dann größere Stücke herstellen, bis ich am Ende diese Arbeit richtig beherrscht habe.“

Essaouira gilt als das Zentrum der Intar-sienarbeit. „Ich konnte mich schnell für diese Arbeit begeistern und es macht mir auch heute noch viel Spaß“, sagt Brahim voller Begeisterung und ergänzt: „Ich bin jetzt 52 Jahre alt und übe diesen Beruf nun seit über 36 Jahren aus. Ich kann mir keine andere Tätigkeit vorstellen.“ Brahim und seine Mannschaft können sich vor Aufträgen kaum retten. Sie müssen daher viel und lange arbeiten. „Ich beginne morgens um 8 Uhr und komme auch erst um 21 Uhr aus der Werkstatt. Wir arbeiten praktisch jeden Tag bis auf Sonntag“, sagt er. Wenn der Tisch, den Abdullali gerade bearbeitet, schlussendlich hochglänzend im Verkaufsraum ste-hen wird, muss ein Kunde für den 1,20 Meter breiten Tisch 5.000 Dirham (ca. 500 Euro, Anm. d. Red) bezahlen. „Das ist nicht billig“, sagt Brahim. „Aber dafür hält der Tisch auch ein Leben lang.“ Gemessen an der unendlichen Kleinarbeit sind 5.000 Dirham nicht zu viel. Allein die aufwendige Vorbereitung kostet viel Zeit, denn die Hölzer müssen gefärbt werden, um ihre tiefschwarze Farbe zu erhalten. Dafür bedienen sich die Kunsthandwerker einer speziellen Technik: Das Holz wird in fünf bis zehn Millimeter kleine Stücke gehobelt und anschließend in heißes Öl getaucht, in dem zuvor bereits Fische frittiert wurden. Dieses „Altöl“ kaufen die Tischler bei den Restaurants in der Um-gebung. Die gehobelten Holzscheiben werden dann stundenlang im siedenden Öl regelrecht frittiert, bis das Holz von außen und innen kohlrabenschwarz ist. Nicht selten fängt das Öl Feuer, was dazu führt, dass die Holzstücke verbrennen und die Arbeit der Kunsthandwerker zunichte gemacht wird.

Bei der Herstellung der Thujaobjekte ist in jeder Arbeitsphase volle Konzentration angesagt. Auch der letzte Arbeitsgang, der Polierprozess, hat es in sich: Für die Politur werden Wachs, Alkohol, Öl, Schelllack und ein Poliertuch benötigt. Immer wieder wird die Politurflüssigkeit auf den Gegenstand aufgetragen und so lange sanft poliert, bis das Objekt hochglänzend erstrahlt. Thujaobjekte in dieser Qualität findet man in Marokko nur an wenigen Orten. Die Nachfrage ist entsprechend hoch. „Ja, wir sind sehr zufrieden. Unsere Kunden kommen aus Casablanca, Rabat und Marrakesch, es kaufen auch viele Ausländer bei uns ein. Viele Kunden möchten einen Thujagegenstand für einen ganz bestimmten Anlass erwerben – beispielsweise ein Paar, das heiraten wird, Leute, die sich ein Haus gekauft haben, oder Hoteliers, die ein Riad einrichten möchten. Neulich habe ich ein Bett, zwei Nachttischchen und eine Frisierkommode an einen Geschäftsmann verkauft. Das ganze Set hat 20.000 Dirham (ca. 2.000 Euro, Anm. d. Red.) gekostet.“

Bei soviel Nachfrage kann Brahim froh sein, dass er mittlerweile tatkräftige Unterstützung aus der Familie bekommt, denn seine beiden Töchter arbeiten ebenfalls im Betrieb: Loubna ist 23 Jahre alt und kümmert sich um den Laden, also den Verkauf. Die jüngere Tochter Ahlam ist 18 Jahre alt und hilft bei der Buchhaltung. Nur einen Nachfolger für die Werkstatt gibt es noch nicht. Aber vielleicht regelt sich das Problem ja von selbst. Ahlam und Loubna sind nämlich noch nicht verheiratet.

Rückblick Made in Marokko


AUSGABE NO.4

  • MADE IN MAROKKO made-in-marokko-no4-00

    DER HERR DER FLIESEN
    Abdellah Bougrine ist einer der besten Zellig-Künstler Marokkos. Die Liste der Kunden, die auf seine Dienste zurückgreifen, liest sich wie das Who’s who der Top-Hotels in Marrakesch…

    mehr...

AUSGABE NO.3

  • MADE IN MAROKKO IMG_3091_3

    DIE KÖNIGLICHE KERAMIKMANUFAKTUR
    Seit langer Zeit ist Safi die Hauptstadt der marokkanischen Töpferei. Die Techniken werden in den Familien über Generationen weitergegeben. Maître Ahmed Serghini ist der Haus- und Hoflieferant des Königs. Seine Produkte werden in der ganzen Welt gekauft und bewundert…

    mehr...

AUSGABE NO.2

  • MADE IN MAROKKO IMG_2081a2_00

    IM LAND DER SCHÖNEN TEPICHE
    Sven Kämmerer ist seit über 30 Jahren regelmäßig in Marokko unterwegs. Auf all seinen Reisen begegneten ihm immer wieder die wunderschönen Berberteppiche. Zu einem Kauf durchringen konnte er sich aber nie…

    mehr...

AUSGABE NO.1

  • MADE IN MAROKKO IMG_2081rep08_00

    DIE KÜNSTLER IM ENDLOSEN TAL
    In den Souks von Marrakesch und Fes kann man ihn mit etwas Glück tatsächlich finden − den wunderschönen, traditionellen Silberschmuck der Berber. Sabah, eine französische Ethnologin aus Paris mit marokkanischen Eltern…

    mehr...
AUSZEIT
MEDINA

NEWS

no4Ad

FOLGEN SIE UNS!

no4Ad

no4Ad

no4Ad

no4Ad

BESTELLSERVICE

Erscheinungstermin der
KASBAH NO.7: Juli 2017


INFO MAROKKO

karte

Karte

Klima

Flugverbindungen

Steckbrief

Reisen im Land

TOP HOTELS

Selection Exclusive