MADE IN MAROKKO

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HANDWERK HAT GOLDENEN BOGEN

Fes als spirituelles Zentrum Marokkos ist weltweit ein Begriff. Weniger bekannt ist, dass in der Medina – der größten der Welt – die besten Handwerker des Landes am Werke sind. A, die man einfach nur haben möchte, so sollte er wissen, dass sie nicht selten in Fes gefertigt wurden. Dort hat man nicht nur die Möglichkeit, die besonderen Waren aus erster Hand zu erstehen, sondern auch Teil des Produktionsprozesses zu werden. In den kleinen Betrieben kann man den Handwerkern über die Schulter schauen und alle Arbeitsprozesse begleiten. Man lernt den Produzenten, seine Familie kennen. Aus einem simplem Souvenir wird ein Gegenstand mit viel Seele, ein Unikat. In einer Zeit, in der hoch industrialisierte Massenprodukte die Märkte überschwemmen, beherrscht man in Fes noch über Jahrhunderte überlieferte und gepflegte Handwerkskünste. In dieser Hinsicht ist Fes weltweit einmalig.

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Text: KASBAH – Fotos: Willy Vlodareck

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Youssef scheint sich da ganz sicher zu sein: „Zwanzigtausend Kilometer garantiert!” Er lobt nicht den in Tanger produzierten neuen Dacia. Nein, er verkauft gerade ein einfaches Paar belghas – Pantoffeln aus Leder. Er weiß, dass er das Spiel fast gewonnen hat, wenn ihm der Tourist ein Lächeln schenkt. Immerhin ist es ihm gelungen, das Interesse des Mannes so weit zu wecken, dass dieser ihm bis auf die Terrasse seines Ladens folgt. Von dort genießt man einen sagenhaften Blick auf die Chouara Gerbereien. Sie sind älter als 900 Jahre, erstrecken sich über 7 000 Quadratmeter und beschäftigen rund 400 Mitarbeiter. Ihre Restaurierung vor einigen Jahren hat dem einzigartigen mittelalterlichen Flair nicht geschadet. Ende 2015 sind die Maalams (Meister) und Lehrlinge zu ihren neu betonierten Bottichen und zeitgemäß restaurierten Ateliers zurückgekehrt. „Die Show muss weitergehen“, meint Youssef und überreicht „seinem“ Touristen einen frischen Minzstrauß. Er soll den strengen Geruch überdecken, der aus den tiefen Becken hochsteigt. Die Tierhäute werden zu-nächst in ein Kalkbad getaucht und anschließend in eine Bio-Lake aus tierischen Exkrementen gelegt. „Siehst du, jetzt kommen sie in die Waschmaschine“, sagt der junge Mann, der seinem Gast jeden Arbeitsgang präzise erklärt. Bei der „Waschmaschine“ handelt es sich um eine große Holztrommel, in der die Häute immer und immer wieder gewaschen und geschleudert werden. Der gesamte Arbeitsprozess erstreckt sich über gut 30 Tage. „Die Leute aus Europa“, so Youssef, „finden die Färbung des Leders am interessantesten – all die bunten Farben.

„Dbagh Dar Dar Dhab“, lautet ein Sprichwort

in Fes: „Die Gerberei ist eine Goldgrube!” 

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Das gefärbte Leder wird sofort von anderen Fachbetrieben noch in der Medina weiter verarbeitet. Die Auswahl an Lederwaren ist später schier unerschöpflich. Natürlich dürfen die „Babouches” auch nicht fehlen: Lederpantoffeln

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Youssef listet nun die Produkte auf, die dafür zum Einsatz kommen: „Mohnpulver für das Rot, Henna für das Orange, Indigo für das Blau und die Safranblume – die teuerste Zutat – für das Gelb.“ Heutzutage werden hier 10 000 Häute pro Tag behandelt. „Dbagh Dar Dar Dhab“, lautet ein Sprichwort in Fes: „Die Gerberei ist eine Goldgrube!” Oder wie Youssef einfach formuliert: „Fes hat Leder im Blut!“ In der Medina von Fes arbeiten schätzungsweise immer noch 30 000 Handwerker, obwohl die Töpfer, die Zellig-Handwerker und die Blech-schmiede im Osten der Stadt einquartiert wur-den. Dennoch halten auf dem Platz Seffarine immer noch viele Handwerksbetriebe die Stel-lung, wie zum Beispiel die Blechschmiede. Der Duft von Zedernholz – kennzeichnend für die Schreinereien – schwebt immer noch in der Luft, wenn man durch den Nejjarine Souk schlendert. An anderen Stellen befinden sich kleine Schneider-Ateliers, Stickereien, Schuh-macher und etliche andere auf Weiterverarbeitung spezialisierte Fachbetriebe. „Aber den Brokat-Meister Haj Ouazzani wird man nur mit ortskundiger Hilfe finden können“, meint Mou-hib Brahim, ein junger Designer aus Fes und ergänzt: „Die große Kunst besteht in Fes darin, ein Geheimnis zu hüten!” Mouhib weiß den un-ermesslichen Schatz, den Fes mit seinem enor-men Arsenal an begnadeten und spezialisierten Handwerkern aufbieten kann, richtig zu bewerten: „Unsere Handwerker können alles, sie sind sogar in der Lage, die historischen Denkmäler materialgerecht zu restaurieren.“

„die große Kunst besteht in Fes darin,

ein Geheimnis zu hüten!”

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Wettlauf mit der Zeit: Einige traditionelle Berufe könnten bald verschwinden. Heute gibt es nur noch zwei Hornkamm-Hersteller in der Medina

Fes möchte seinen legendären Ruf als

avantgardistische Stadt wiederbeleben

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„Fes ist ein lebendiges Museum”, meint Chakib Kabbaj, Präsident der autorisierten Stadtführer in Fes. So wurde 2009 ein Schulungs- und Qualifizierungszentrum für Kunsthandwerk ins Leben gerufen. 2015 haben 450 Schüler eine Ausbildung in 25 verschiedenen Berufen absolviert. „Wir haben als Meister die besten Handwerker von Fes genommen”, ergänzt dessen Direktor Aboujaafar Ahmed stolz. „Die Selektion ist streng, aber im Anschluss können wir viel Arbeit garantieren”, Fes wurde 1981 von der UNESCO zum Welterbe der Menschheit ernannt. Die Stadt ist in der Tat eine ewige Baustelle. Allein im Jahr 2015 wurde die Sanierung von 27 historischen Denkmälern durchgeführt, resümiert Serrhini Fouad, Direktor der Agentur für Entwicklung und Rehabilitation der Medina. Auf der Liste steht auch die berühmte Medersa Seffarine, wo junge Theologiestudenten aus der nahe gelegenen Moschee Karaouine beherbergt sind. Diese bekamen – das muss man sich mal vorstellen – neben einer Kantine und Duschen auch Fernsehen und WLAN. Wer also dachte, Fes verharre auf ewig in seiner Vergangenheit, der irrt. Vielmehr spürt man allerorten, dass Fes mehr ist als die Summe seiner Handwerker. Man möchte den legendären Ruf als avantgardistische Stadt, der Fes jahrhunder-telang vorauseilte, wiederbeleben. Eben wie im Jahre 859, als ein gewisser Sylvester II., der später Papst wurde, und der jüdische Philosoph Maimonides die Karaouine-Universität, die älteste der Welt, besuchten.

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Zellig ist vielleicht die repräsentativste Kunstform der marokkanischen Dekoration. Der Ursprung des Zellig geht wahrscheinlich auf die römische und byzantinische Mosaikkunst zurück

Rückblick Made in Marokko


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