Aufbruch I Wirtschaft

Aufbruch I Wirtschaft

rachids_traum00

MAROKKOS TRANSPORTWESEN

Ruf den Honda an!

in Marokko sind die Altstädte für den Autoverkehr gesperrt. Während wir von autofreien Zonen, weniger Abgasen und mehr Lebensqualität in unseren Stadtzentren träumen, ist uns das marokkanische „Medina-Konzept” weit voraus. In Zeiten von Online-Shopping und Kaufhaus-Lieferservice stellt sich die Frage: Wie machen die das?

trennlinie

Text und Fotos: Sven Kämmerer 

Marrakesch, Bab El Ksour. Der Verkehr staut sich vom Boulevard Mohammed V bis zur Rue Fatima Zahra. Wie immer um die Uhrzeit, es ist 17 Uhr, geht nichts mehr. Einige Fahrzeuge parken in zweiter Reihe. Warum muss sich der beste Schaumstoffladen der Stadt ausgerechnet mitten im Zentrum und nicht im Industriegebiet befinden? Wir haben uns gerade mit einigen Schaumstoffmatratzen eingedeckt und stehen nun mit riesigen, in Plastikfolie eingerollten Matratzen am Straßenrand. Wir wollen nach Sidi Ben Youssef, aber ein Taxi wird uns mit dem sperrigen Gepäck nicht mitnehmen können. Zweifel überfallen mich: Ob wir von hier jemals wegkommen? Das wird bestimmt noch ein sehr lustiger Abend. Selbst wenn uns ein Transporter zur Verfügung stünde, würden wir wohl kaum vorankommen.

Auch die Fußgänger benutzen die Straße als Trottoir, um gelassen an den Fahrzeugen vorbei-zuschlendern. Sie duellieren sich dabei mit den jugendlichen Mopedfahrern. Wer wird den anfahrenden Fahrzeugen wohl am schnellsten ausweichen können? „Sollen wir einen Lkw bestellen?“, frage ich. „Bis der es quer durch die Stadt geschafft hat, ist Mitternacht“, scherzt Mohamed und ruft Ali zu: „Ruf den Honda an!“ „Wen?“, frage ich. „Monsieur Honda!“, sagt Mohamed. „Ach so“, entgegne ich. „War das nicht der mit dem Hubschrauber?“ „Nein, war er nicht, aber du bist nah dran. Er besitzt einen triporteur, hast du bestimmt schon mal gesehen”, meint Ali, „das ist ein Motorrad mit Ladefläche.“ Ja, kenne ich natürlich. Man sieht sie in Marrakesch den ganzen Tag in der Stadt herumdüsen. Sie sind überall und das hat wohl auch seinen Grund: Die triporteurs ersetzen gewisser-maßen die alten Eselkarren und Pferdekutschen und halten den gesamten innerstädtischen Warenfluss am Laufen. Autos, geschweige Transporter, dürfen und können in die Medina nicht rein. Wie aber sollen Güter in den verwinkelten Gassen der unzähligen Souks angeliefert werden? Eben dort, wo es alles zu kaufen gibt, was die marokkanische Basarökonomie aufbietet und was die „Marrakchi“ für den Alltag brauchen. Hier gibt es nichts, was es nicht gibt: Fahrradketten, Handy-akkus, Baumaterial, Safran, Arganöl, oder eine komplette Wohnzimmereinrichtung. Beeindruckend ist die Versorgungslogistik: Kurze Vertriebswege, ein nach Branchen aufgefächertes Warensortiment, Recyclingkreisläufe eines nachhaltigen Wirtschaftens und noch dazu Fachwerkstätten en masse – die Kunst des Reparierens beschäftigt hier immer noch ein Heer von Spezialisten. Aber eben die wollen auch beliefert werden.

rachids_traum01

Und so befördert Ahmed Tag für Tag Kisten, Möbel, Teppiche und sämtliche Waren aus dem Souk, ob Gemüse oder Motoren – einfach alles.

Monsieur Honda ist inzwischen eingetroffen. Er schnappt sich die Matratzen, schmeißt sie auf die Pritsche und fragt: „Fahrt ihr auch mit?“ Ali steigt vorne ein. Mohamed und ich klettern auf die Ladefläche. Wir halten uns an den Matratzenrollen fest, die ein gutes Stück über die Ladefläche nach hinten hinausragen. Rote Signalfähnchen sind in Marokko weitestgehend unbekannt. „Wo wollt ihr hin?“ fragt Monsieur Honda, der mit bürgerlichem Namen Ahmed heißt. „Nach Sidi Ben Youssef.“ Das dicht besiedelte Stadtviertel liegt östlich der Medina. Es wird von den Marrakchi in ihrer unnachahmlichen, selbstironischen, fatalistischen und nicht selten auch melancholischen Art als „petit columbia“ bezeichnet. In Sidi Ben Youssef kann man sehr preiswert wohnen, muss aber auch mit sehr vielen Nachbarn auskommen. Aus Berliner Sicht eine Mischung aus Neukölln und Wedding. Die Wahrscheinlichkeit, dass sich jemals ein Tourist in dieses authentische Viertel verlieren wird, geht gegen null.

Bis nach Sidi Ben Youssef haben wir noch ein ordentliches Stück vor uns. Zum Glück kommt Ahmed ganz gut voran. Wenn ihm das Stauende zu weit vom nächsten Kreisverkehr oder der nächsten Ampel entfernt erscheint, wendet er stets einen einfachen Trick an, um schneller vorbeizukommen: Er macht einfach eine neue Schlange auf! Ein guter Plan. Leider ist Ahmed nicht der Einzige, der diesen Trick kennt. Ahmed, der sich jeden Tag von morgens bis abends diesem Wahnsinn auf den Straßen ausliefert, bleib stets cool (Ali und Mohammed übrigens auch). Nichts kann ihn aus der Ruhe bringen. Egal ob ihm einer die Vorfahrt nimmt oder ein Moped hinten an die Pritsche fährt. Ahmed bleibt entspannt. Den ohrenbetäubenden Lärm um ihn herum scheint er nicht wahr-zunehmen. Vielleicht ist er schon etwas taub, ich weiß es nicht. Auf jedenfall ist er ein netter Kerl. Und fleißig ist er auch. Monsieur Honda widerlegt gewissermaßen als lebendes Gegenbeispiel das oft bemühte Vorurteil nach Marrakesch zugezogener Marokkaner, die Marrakchi würden sich nicht gerade um die Arbeit prügeln. Mehr noch: Anderswo, beispielsweise im pathetischen Amerika, würde man triporteurs wie Ahmed vermutlich als „Helden der Stadt“ bezeichnen. In Marrakesch sieht man das nüchterner.
Den Namen „Monsieur Honda“ hat man Ahmed verliehen, als er sich seine erste Maschine zugelegt hatte, eine Honda. In den letzten Jahren sind zahlreiche Hersteller ins Motorradlastergeschäft eingestiegen. Man findet heute alle bekannten Marken, darunter auch Koyota und Keweseki (die Marken gibt es in Marokko wirklich). Ahmed fährt eine Dokker, eine chinesische Marke, deren Zweiradflotte sich in ganz Marokko größter Beliebtheit erfreut. „Es gibt überall Ersatzteile, die auch preiswert sind. Bei anderen Marken ist das schwieriger“, sagt Ahmed. „Außerdem ist sie äußerst sparsam: Die Kosten für meine Dokker betragen sieben Dirham (ca. 70 Cent) pro Kilometer. Neu hat mich die Dokker samt großer Pritsche 20.000 Dihram (circa 2.000 Euro) gekostet. Den grössten Teil hab ich mir von Freunden geliehen.“ Und so befördert Ahmed Tag für Tag Kisten, Möbel, Teppiche und sämtliche Waren aus dem Souk, ob Gemüse oder Motoren – einfach alles. Seine Maschine kann er mit maximal 500 Kilogramm beladen. Am liebsten fährt er für einen französischen Händler. Der stellt Hüte her. „Die wiegen nicht so viel“, meint er.

Die Strecke nach Sidi Ben Youssef hatte sich auch trotz Ahmeds Fahrkünsten ganz schön in die Länge gezogen. Aber Spaß gemacht hat es trotzdem. Nur die staubige Luft hinten auf der Pritsche macht einem zu schaffen. Man bekommt schnell eine recht trockene Kehle. „Was ist?”, frage ich. „Gehen wir jetzt noch ein Bier trinken?“

Rückblick: Wirtschaft


AUSGABE NO.5

KULTUR

NEWS

no4Ad

FOLGEN SIE UNS!

no4Ad

no4Ad

no4Ad

no4Ad

BESTELLSERVICE

Erscheinungstermin der
KASBAH NO.8: Januar 2018


INFO MAROKKO

karte

Karte

Klima

Flugverbindungen

Veranstaltungen

Campingplätze

Steckbrief

Reisen im Land

Gut zu Wissen

Golfplätze